Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

83 \ Die Aussagen des Attentäters Princip in Dr. Pappenheims Stenogrammen sind eine naive, aber deshalb nicht weniger wirkungsvolle Vereinfachung, besser gesagt Umkehrung des Sachverhaltes, wie er sich aus der Untersu­chung und der Hauptverhandlung ergeben hat. Auch steht die Darstellung völlig im Widerspruch zu dem, was später im Laufe der Jahre offenbar ge­worden ist. Nun zu R. P., dem Verfasser der Einleitung und des 13 Seiten-Kommentars; die Publikation sei eine Antwort, wie der Autor R. P. angibt, auf „Doku­mente und Memoiren, die meistens, in einer ganz speziellen Tendenz, auf Grund verschiedener Gespräche und Erzählungen zusammengeflickt wurden ..Aber verfolgte dieser R. P. nicht auch eine ganz spezielle Tendenz? Wollte er nicht das Gegenteil von dem beweisen, was Nikitsch-Boulles sagte, - nämlich: daß Princip förmlich zur Tat gezwungen worden sei? Sicher hatte R. P. recht, wenn er schrieb, Princip habe seine Tat nicht bereut; wenn er aber behauptet, Ciganovic habe erst im letzten Moment erfahren, auf wen sich das Attentat bezog, so ist dies eine unrichtige Behauptung. Wörtlich heißt es im Stenogramm Pappenheims vom 18. Mai 1916: „Als er schon nach Sarajevo zurückgehen wollte, sagte er ihm [Ciganovic], um wen sich das Attentat handle [sic!]. Der versprach ihm auch Revolver von Tankosic zu ver­schaffen, der Komitadzi-Anführer war. Bekam dann die Revolver. Reist dann Ende Mai, 26. Mai, nach Sarajevo.“ Das ist eine arge Verdrehung der Tatsachen. Am 26. Mai (alten Stils), dem 8. Juni nach unserem Kalender, waren die drei Attentäter, Princip, Cabrino- vic und Grabez, schon lange von mehr als einem Dutzend Helfershelfern (Offi­zieren der königlich-serbischen Armee, Beamten, Mitgliedern der ,Schwarzen Hand“ und Angehörigen der ,Narodna Odbrana“) mit sechs Bomben und vier Pistolen über die bosnische Grenze geschleust worden. Nach dem Geständnis der drei Attentäter war Grabez am 24. Mai zum aktiven serbischen Major Voja Tankosic gegangen, der an ihn die Frage richtete: „Bist Du derjenige? Bist Du entschlossen?“ R. P. negiert in seinem Kommentar die Rollen der Ilié, Sarac, Mehmedbasic und Malobabic, der Grenzoffiziere, von denen er doch gewußt haben muß. Er ignoriert auch das Geständnis des Obersten Apis-Di- mitrijevic, dessen Inhalt man damals in Serbien schon seit Jahren kannte. Der Verfasser R. P. bemüht sich, durch Übertreibungen die Berechtigung des Attentats begreiflich und zugleich glaubhaft zu machen, daß es keines Ein­flusses von außen auf die bosnische Jugend bedurft hätte. R. P. nennt Öster­reich-Ungarn den „europäischen Eroberer, Giftmischer und Vernichter, nicht nur Bosniens und der Herzegowina, sondern der ganzen Nation Princips“43). Man plante, es (Bosnien) gänzlich zu zermalmen, zu vernichten und zu ver­schlingen, national-politisch und national-ökonomisch44). Man bemühte sich, kenntnisse ging, wobei die Frage, ob sie Princips subjektiver Überzeugung entspra­chen, offen bleibt. 43) Bekenntnisse 25. 44) Ebenda 26. Wo sich heute die zwei Originalhandschriften Princips und die Ste­nogramme des Wiener Psychiaters befinden, ist nicht bekannt. Dr. Martin Pappen­6*

Next

/
Oldalképek
Tartalom