Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)
II. Der Monarch und seine Stellvertretung
77 gungen überprüfte, wird noch dargetan werden u). Oft arbeitete er bis in die Nacht hineinlä). Als bezeichnendes Beispiel seiner Arbeitsweise sei folgendes Handschreiben vom 5. Dezember 1780 — am 29. November war seine Mutter gestorben — an den geheimen Sekretär Zephyris wiedergegeben: „In der Menge deren Beschäftigungen muß man sich die Mittel zur Erleichterung verschaffen, lesen Sie diese Vorträge, setzen sie auf jeden Bogen das auf dem Umschlag enthaltene Contentum, damit Ich mit Ihnen die resolution ad Marginem entwerfe, welche nachhero purisirter auf den Vortrag wird eingetragen werden können“ 14 15 * 17). Über die Arbeitsweise Kaiser Leopolds II. sind wir nicht unterrichtet. Die erzählenden Quellen und jene der Kabinettskanzlei versagen gänzlich. Von Kaiser Franz I. (II.) wissen wir, daß er mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit gearbeitet hat, und aus der ungeheueren Fülle der Akten, die durch seine Hand gegangen sind, läßt sich erschließen, daß er der Schreibtischarbeit sehr viel Zeit gewidmet hat. Außerordentlich groß ist die Zahl der ihm unterbreiteten Entwürfe von Entschließungen und Handschreiben, welche Besserungen seiner Hand aufweisen, Besserungen sachlicher, aber auch — und immer zutreffend sprachlicher Art. Eine Arbeit, die der Verfasser geplant hat, an Hand dieser Besserungen dem Wirken, dem Wesen und der Denkungsart des Kaisers nachzuspüren, ist heute nicht mehr durchführbar, da die Akten des Staatsrates, welche hie- für vornehmlich in Betracht kommen, 1945 zu Grunde gegangen sind 18). Kaiser Franz zog die Geschäfte in solcher Weise an sich, daß er überlastet sein mußte; mit Recht schrieb Metternich nach Franzens Tod einmal dem Minister FMLt. Karl Graf Ficquelmont, der Kaiser „konnte es doch nie über sich bringen, eine scharfe Linie zu ziehen zwischen dem, was dem Bereiche der Regierung angehört, und zwischen dem, was nie die administrative Sphäre überschreiten soll. Indem er zu seinem eigenen Nachteil die zwei Sphären mit einander vermengte“19). Zu starker Belastung führte auch des Kaisers System der Kabinettsreferenten und des wiederholten Überprüfens ein- und desselben Aktes durch Staatsrat, Staatskonferenz und jene Referenten. Kennzeichnend für seine Arbeitsweise sind die Ratschläge, die der Kaiser seinem Bruder, dem Palatin Erz14) S. Kapitel IV, vgl. auch Arneth, Maria Theresia und Joseph II., Bd. 1, S. 151. 15) Joh. Pezzl, Charakteristik Josephs II., Wien 1790, S. 83; vgl. auch über seine Wertschätzung seiner Sekretäre ebenda, S. 274. i«a) Ebenda S. 278. 16) Ebenda S. 316. ii) B 459 s, Sep. Bill.Prot. fol. 422. 18) Vgl. hiezu A. Coreth, Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945 in MÖStA., Bd. 2, (1958), S. 515 u. 523. 19) Brief Metternichs 14. 12. 1836, gedruckt E. Wertheimer in Österr. Rundschau 1907, Bd. X, S. 48.