Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

II. Der Monarch und seine Stellvertretung

78 herzog Joseph in einer vom 8. August 1795 datierten Instruktion gab; es heißt hier: „Sei mißtrauisch und entferne jederzeit von Dir die Fana­tiker .. ., weil diese leicht zu weit gehen“, „Untergebene unvorherge­sehen überraschen“, „Überwachung der Durchführung der Befehle“, „Um unhaltbare Versprechen zu vermeiden, selten eine Sache gleich entschei­den, prüfen, wenn nötig, um Rat fragen, wo Kenntnis und Rechtschaffen­heit“, „Vertrauen gegen Angestellte“, „Vor Äußerung eigener Meinung immer wieder um Rat fragen“ 20). Kaiser Ferdinand I. hat, was seine geistige Unzulänglichkeit er­klärt, Akten niemals selbst bearbeitet, sondern lediglich die ihm in Ent­wurf und Reinschrift vorgelegten Entschließungen und Handschreiben un­terschrieben. Gleich seinem Großvater Franz war Kaiser Franz Joseph I. ein ungemein gewissenhafter, fleißiger Arbeiter, der den Großteil seiner langen Tage dem Schreibtisch widmete. Franz Joseph I. residierte wäh­rend des Winters in der Burg in Wien, übersiedelte zu Ostern in das Schloß Schönbrunn und verbrachte die Sommermonate Juli und August in Bad Ischl. Während seines letzten Lebensjahrzehntes verlängerte der Kaiser seinen Aufenthalt in Schönbrunn immer mehr, bis er schließlich nur mehr zu den Audienzen oder zu besonderen Anlässen in die Stadt kam. Franz Joseph war ein Frühaufsteher. 1850 berichtet Schwarzenberg: „Sein Verstand ist scharf, sein Fleiß in Geschäften, besonders in seinem Alter“, er war damals im zwanzigsten Lebensjahr, „bewundernswürdig. Er arbeitet ernstlich, mindestens 10 Stunden im Tage, und wie viele Vor­träge von ihm selbst bemängelt unerledigt zurückkommen, weiß niemand besser als ich“21). Diese Bemerkung deckt sich mit dem Aktenbefund. Nach Darstellungen Schießls, der 1899 auf die Stelle des Kabinettsdirektors berufen wurde, verlief der normale Arbeitstag des Kaisers folgenderma­ßen. Um 5 Uhr stand der Kaiser auf und begann sodann die abends einge­langten Korrespondenzen des Ministeriums des Äußeren und Vorlagen der Kabinettskanzlei zu lesen und zu erledigen, Um acht Uhr empfing er den Generaladjutanten Grafen Paar und nach diesem den Vorstand der Militärkanzlei Freiherrn von Bolfras. Am Montag und Donnerstag fan­den von zehn bis zwölf Uhr in der Hofburg, in die der Kaiser zu diesem Zweck auch von Schönbrunn fuhr, die allgemeinen Audienzen statt. An­sonst nahm Franz Joseph von zehn bis zwei Uhr nachmittags die Vor­träge der Minister entgegen, die um zwölf Uhr durch ein kurzes, nur eine Viertelstunde dauerndes Frühstück unterbrochen wurden, das er sich am Schreibtisch servieren ließ. Nach dem Empfang der Minister setzte der Kaiser seine Aktenarbeit meist an kleineren Vorlagen bis gegen vier 20) Gedruckt bei Domanovszky, József Nádor Iratai, Bd. 1, Budapest 1925, S. 20. 21) Schwarzenberg an Metternich, 24. 7. 1850, Archiv Plaß nach Abschrift Schiitters, Nachlaß Schiitters.

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