Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft 81 sich verpflichten, seine Exzerpte Grillparzer vorzulegen, der im Zweifels­falle die Entscheidung der Hofkammer einholen sollte23). Die gleiche For­derung wurde an Bergmann gestellt, der über Heräus arbeitete24). Als älteste Benützung des Hofkammerarchivs zu wissenschaftlichen Zwecken darf die Forschung des Johann Heinrich David Göbel, Sekretär des Reichshofrates von Gärtner, genannt werden, dem 1762 die Einsicht in die die Belagerung der Festung Gran und der Stadt Güns unter Karl V. berührenden Schriften bewilligt wurde. Den Akten liegt die Kopie eines Vortrages der Staatskanzlei vom 20. Dezember 1761 bei, der sein Gesuch um Abschrift der in der Wiener Hofbibliothek erliegenden Beschreibung der ersten Türkenbelagerung durch Paul Pessel zum Zwecke der Edition als Anhang zu einer Lebensgeschichte Karls V. betrifft25). Grillparzer war für wissenschaftliche Benützungen durchaus aufgeschlos­sen. Das zeigen seine Äußerungen zu den Zulassungsgesuchen von Buchholtz und Hurter26). Hingegen hat sein Stellvertreter Weibel die Ablehnung des allerdings über die üblichen Konzessionen hinausgehenden Gesuches des Registranten bei der österreichischen Hofkanzlei Adalbert Mainhard Böhm bewirkt, der als Mandatar des oberösterreichischen Museums Francisco- Garolinum auftrat und mit Rücksich auf seine eigene berufliche Tätigkeit das Hofkammerarchiv außerhalb der dort vorgesehenen Amtsstunden durch­forschen wollte27). Im Falle von Arbeiten, die für die kirchliche Topo­graphie im Hofkammerarchiv durchgeführt werden sollten, sprach Grill­parzer zwar von geschäftsstörenden Ungelegenheiten, die daraus entstün­den, trug aber doch auf Bewilligung dieses Gesuches an28). Gerade dieses Unternehmen setzte die Sammlung alter Urkunden in den Archiven voraus. Das faßte man schon hundert Jahre früher ins Auge, als Anton Roschmann in der Innsbrucker Societas Silentiarum den Plan einer Geschichte der 2S) Ebenda, 167, nr. 79. Archivverhandlungen 1110/1836; Camerale 2: 46006/1835, 55084/1835. 24) Sauer, a. a. O., 247, nr. 132. 25) Hofkammerarchiv, Archivverhandlungen: 372/1762. Das Original d. Vortrages im Haus-, Hof- u. Staatsarchiv: Staatskanzlei, Vorträge, Fasz. 136. Göbel hat den dem Codex 8019 d. Nationalbibliothek entnommenen Text tatsäch­lich im ersten Band seiner „Beiträge zur Staatsgeschichte von Europa unter Kaiser Karl V.“, Lemgo 1767, veröffentlicht. Vgl. Vancsa, Quellen und Ge­schichtsschreibung. Geschichte d. Stadt Wien, hgg. v. Altertumsverein 4 (1911), 27 ff. Die im Inventar d. Wiener Hofkammerarchivs (Inventare österreichischer Archive 7) auf S. XXIII angeführte Benützung von 1754 durch Franz v. Scheyb erfolgte in der Streitsache der niederösterreichischen Stände wegen der Landes­grenze gegenüber Ungarn und ist daher primär nicht als wissenschaftlich an­zusehen. 26) Sauer, a. a. O., 162, nr. 76; 258, nr. 136. Mikoletzky, Der Archiv­direktor Franz Grillparzer. Der Archivar 5 (1952), 49 ff. 27) Hofkammerarchiv: Archivverhandlungen: 246/1843; Camerale 2: 44858/1843. 2S) Archivverhandlungen: 222/1842. Goldinger: Geschichte des österr. Archivwesens. 6

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