Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft
Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft 79 zu verfassen. Das scheint in der Tradition von Celtis und Cuspinian zu liegen. Was aber den Humanisten noch nicht ganz möglich war, ist hier von Anfang an beabsichtigt: einen geschlossenen Archivbestand in den Dienst der Landesgeschichte zu stellen13). Wohl steht das Werk in einer Linie mit den Veröffentlichungen mancher Zeitgenossen, die die Ausstrahlungen der maurinischen Tradition, nicht aber in gleichem Maß ihre Entstehung aus einer praktischen Archivtätigkeit erkennen lassen. Philibert Hueber ist der Mann, der nicht nur unter Abt Dietmayer die Melker Archive neueingerichtet, sondern auch dem Rufe Bessels, dessen Name in der Geschichte der Urkundenlehre guten Klang hat, gefolgt ist und das Archiv in Göttweig geordnet hat. Während sich dieser eine Urkundenlehre der deutschen Herrscher zum Ziel gesetzt hatte, versucht Hueber eine landschaftlich begrenzte Diplomatik zu geben, in manchem kommt ihm bleibende Bedeutung zu, seine Siegeltafeln und Beiträge zur österreichischen Sphragistik verdienen noch heute Beachtung13®). Diese unmittelbar an die Archive geknüpfte Landeshistoriographie machte weiterhin Schule und erreichte in den wissenschaftlichen Leistungen von St. Florian eine Ausbildung, deren Nachwirkung noch in dem säkularisierten Betrieb der historischen Disziplinen an den österreichischen Universitäten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenso zu erkennen ist, wie in der Tätigkeit des Florianer Chorherm Josef Chmel im Haus-, Hof- und Staatsarchiv14). Von einem Vertreter der deutschen Reichs- und Staatsgeschichte, unter welchen Namen die Historie zunächst an den juridischen Fakultäten Eingang fand, heißt es 1750, er eigne sich zu diesem Amt in besonderer Weise, weil er auch in den Archiven gearbeitet habe15). Man war aber nur zu leicht geneigt, in solchem Beginnen das Zeichen eines „gelehrten Fürwitzes“ zu erkennen. Josef II. mußte sich darüber von Kaunitz belehren lassen, es gebe „keinen gesitteten Hof in Europa, der nicht sein Staatsarchiv als einen wahren Schatz betrachten, solchen mit größter Sorgfalt zu bewahren und gelegentlich zu vermehren suchen, der nicht Archivalurkunden und besonders die ältesten, für eine wahre Zierde seines Hauses, für das Hauptmittel 13) I. K e i b 1 i n g e r, Geschichte des Benedictiner-Stiftes Melk 1, 937 ff.; Wurzbach, Biogr. Lexikon 9, 386; Tr inks, Das Urkundenbuch des Landes ob der Enns. Jahrb. d. oberösterr. Musealvereins 85 (1933), 595. 13a) F. Gail, Zur Geschichte der östereichischen Sphragistik. Jahrb. f. Landesk. v. Niederösterreich 31 (1953/54), 182. 14) Zibermayr, a. a. O., 248 ff.; E. Mühlbacher, Die literarischen Leistungen des Stiftes St. Florian bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (1905). 15) Johann Baptist de Gaspari war Hofhistoriograph des Erzbischofs Fir- mian von Salzburg und erhielt 1758 die Professur für Geschichte an der Wiener Universität. Er hat eine „Aktenmäßige Geschichte der berühmten Salzburger Emigration“ verfaßt. Über ihn: Wurzbach, a. a. O., 5, 92; H. Widmann, Geschichte Salzburgs 3, 429, Anm. 1; J. K. Mayr, Die Emigration der Salzburger Protestanten von 1731/32. Mitt. d. Ges. f. Salzburger Landeskunde 69 (1929), 2. Alig. Verwaltungsarchiv: Studienhofkommission, 4, Weltgeschichte.