Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert 33 Materials für eine Kodifikation des geltenden Rechts, dessen Quellen in der vielgestaltigen Monarchie sehr verstreut und schwer überblickbar waren27 28). Der Sachbearbeiter im Ministerium des Innern, Ministerialrat Franz Freiherr von Schmidt-Zabierow 2S), hält in seinem Votum ungeschminkt fest, daß dem Ministerium für sein Archiv die Zwecke der öffentlichen Verwaltung gewiß näherstünden als die der Geschichtsforschung. Doch hält er es für nötig, über die Durchführbarkeit dieses Projekts einen Archiv­fachmann zu fragen, nicht zuletzt um jene Kreise nicht ganz unbeachtet zu lassen, die 1869 zu der Enquete herangezogen worden waren und die immer­hin zur Bildung der öffentlichen Meinung auf diesem Gebiet viel bei­trügen. Schmidt verstand sich auf solche Fragen, war er doch vorher Pressereferent des Ministeriums Hohenwart gewesen29). In der Sache selbst unterdrückt er seine Bedenken nicht: Wo soll die Grenze zwischen einer administrativ-legistischen Gruppe und dem historisch-politischen Material liegen? Wohin gehören dann etwa die Akten über die pragmatische Sanktion oder über die Verhandlungen der böhmischen Stände? Ottenburg hatte den Entwurf eines alleruntertänigsten Vortrages an den Kaiser verfaßt (April 1872), der die in seiner zwei Jahre älteren Denkschrift enthaltenen Gedankengänge in gedrängterer Form wiederholt. Dieses Konzept wurde aber nicht genehmigt30). Inzwischen war man nämlich an Ameth mit dem Ersuchen um ein Gutachten herangetreten. Dieser meinte, der Archivalienaustausch könne wohl nur nach Akten­gruppen, nicht nach Einzelstücken vorgenommen werden. Was die Admini­stration der einzelnen Teile des Staates angehe, wäre an das Ministerium des Innern abzugeben. Die Zerreißung der Anstalt, an deren Spitze Arneth stand, des Haus-, Hof- und Staatsarchivs, wäre die unausbleibliche Folge gewesen! Im übrigen beklagt er das Scheitern der Archivenquete. Man habe eine Personalfrage daraus gemacht in der Erwartung, einen sich um die Stelle eines Generalinspektors bewerbenden Mann inthronisieren zu können. Es dürfte wohl Dudik darunter gemeint sein. Über den Zustand der Provinzialarchive will sich Ameth mit Absicht nicht äußern. Er kennt sie nicht. Gegenüber Ottenburg hebt er hervor, das was diesem vorschwebe, sei nicht so sehr ein Archiv als ein legislatives Hilfsbüro. Dazu sei aber schon seit zwanzig Jahren die Administrative Bibliothek berufen. Trotzdem zeigt er sich nicht abgeneigt, an ein solches Hilfsbüro geeignete Archivalien aus den Archiven abgeben zu lassen31). 2Q ZI. 2364—MI/1871, a. a. O. 28) Geb. 1826 in Innsbruck, gest. 15. XI. 1899 zu Volosca bei Abbazia. War von 1880—1897 Landespräsident von Kärnten. Nachruf von J a k s c h in Carin- thia I, 90 (1900), 55 f.; Wiener Abendpost vom 16. XI. 1899. 29) Vgl. L. Przibram, Erinnerungen eines alten Österreichers 1 (1910), 203, 262. 30) Alig. Verwaltungsarchiv: Min. d. Innern, ZI. 4684—MI/1872. 31) Ebd., ZI. 5243—MI/1872 bei ZI. 4684—MI/1872. Goldinger: Geschichte des österr. Archivwesens. 3

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