Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert 27 bei dem in erster Linie mit Aufgaben der Kriegsgeschichtsschreibung be­faßten Kriegsarchiv zu verbleiben hätten. Diese Denkschrift ist aus dem beruflichen Wirken und den Anschau­ungen eines Registrators der alten Schule erwachsen, anders wird man Hieß- berger kaum bezeichnen können. Es steht fest, daß solche Pläne beim Minister Alexander Bach verständnisvolle Beachtung gefunden haben, da in einem aus dem Jahre 1849 stammenden Erlaß des Ministeriums des Innern an die Statthalterei in Graz ausdrücklich von dem Projekt eines Zentral­archivs gseprochen wird3). Freilich hatte es damit noch seine guten Wege. Daher trat der Gedanke einer bloßen repertoriellen Einheit der österreichi­schen Archive immer stärker in den Vordergrund. Anläßlich einer Aus­einandersetzung mit dem Ministerium des Äußern über die ungarischen Aktenbestände vermerkte Minister Bach: Ich wünsche den Anlaß zu er­greifen, die wenigstens repertorielle Einheit und Zentralisation der Archive in der Monarchie in Angriff zu nehmen4). Wie so oft wurde die Entwicklung durch äußere Umstände vorwärts getrieben. In dem kaiserlichen Handschreiben vom 20. Dezember 1857 über die Wiener Stadterweiterung wird der Bau eines Reichsarchivs er­wähnt5). Schon am 9. Jänner des nächsten Jahres erhält der mährische Landeshistoriograph P. Beda D u d i k6) — Reichshistoriograph wird er in den Akten auch genannt — anscheinend von seinem Gönner Bach den mündlichen Auftrag, den Flächenraum für das zu gründende Reichsarchiv anzugeben. Nach Dudik soll das Reichsarchiv zur Aufbewahrung der Akten des Gesamtstaates bestimmt sein, es soll aber auch dem amtlichen und privaten Gebrauch der Gelehrten dienen, da es ansonsten ein bloßes Dikasterial (= Behörden-) Archiv bleiben würde. Dudik sieht zwei Wege vor sich: Die materielle Konzentrierung der die Geschichte der Gesamt­monarchie betreffenden Urkunden und Akten, auch jener aus den Provin­zial- und Kommunalarchiven. Damit zieht er die letzten Folgerungen aus dem seit der Gründung des Haus-, Hof- und Staatsarchivs (1749) von Rosenthal begonnenen, von Chmel im Vormärz eifrig fortgesetzten Ver­s) V. Thiel, Zur Geschichte des k. k. steiermärkischen Statthalterei- archives. Beiträge z. Erforschung steirischer Geschichtsquellen 38/40 (1914) 31, Anm. 1. 4) ZI. 11393—MI/1856 d. Min. d. Innern; erliegt bei ZI. 15420/B—1856 d. Min. d. Äußern (Haus-, Hof- u. Staatsarchiv, Adm. Registratur d. Min. d. Äußern, Fach 14). s) Bittner, Gesamtinventar d. HHStA I, 26* f.; A. Lhotsky, Fest­schrift d. Kunsthist. Museums in Wien 1 (1941), 35, 37 f. 6) Geb. 29. I. 1815 zu Kojetein in Mähren, gest. 18. I. 1890 in Stift Rai- gern, dem er angehörte. Österr. Biogr. Lexikon 1815—1850, I, 201 f.; Heller, Mährens Männer der Gegenwart, 2 2 (1888), 18—21; Oskar Meister, Er­gänzungen zur mährischen Gelehrtengeschichte. Über den mährischen Ge­schichtsforscher Dudik. Zeitschr. d. deutschen Vereins f. Gesch. Mährens u. Schlesiens 40 (1938), 81—83; Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen 1848 bis 1859, hgg. v. J. K. Mayr (1931), 343.

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