Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

II. Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert. Die zeitliche Grenze ist cum grano salis zu nehmen. Es soll bloß eine typische Entwicklung beschrieben werden, deren Anfangs- und Endpunkte sich nicht mit dem Einschnitt der Jahrhundertwende decken, die aber ihrer Eigenart und ihrem Gehalt nach füglich mit der Marke „19. Jahrhundert“ versehen werden darf. Stand die erste Hälfte dieses Säkulums bis zur Revolution von 1848 noch vorwiegend unter dem Zeichen Schatzgewölbe und Kanzlei archive, so wirken diese Begriffe wohl noch weiter fort, verbinden sich aber immer stärker mit Tendenzen, die ein Zentralarchiv anstreben, so daß am Ende dieser Periode das österreichische Archivwesen sich in Facharchiven, die zugleich wissenschaftliche Anstalten sind, ausprägt. Am 28. Juni 1848 legte der Archivdirektor der Vereinigten Hofkanzlei Franz Hießberger seiner neuen Dienstbehörde, dem Ministerium des Innern, eine Denkschrift vor, in der er den Wunsch nach Schaffung eines General­staatsarchivs ausspricht1). Dieses sollte dem Gesamtministerium unter­stehen und die älteren Bestände sämtlicher Ministerien umfassen. Das Hausarchiv der Herrscherfamilie allein sollte seine Selbständigkeit bewah­ren. Ein ungefähr zur selben Zeit von der neu gegründeten Akademie der Wissenschaften gemachter Vorschlag, die großen Sammlungen, Hof­bibliothek, Museen und auch das Haus-, Hof- und Staatsarchiv, ihrer Ober­leitung zu unterstellen, war aus inneren und äußeren Gründen zum Schei­tern verurteilt2). Hießberger dachte an eine Gliederung des Zentralarchivs in mehrere Abteilungen für Finanzen, Kultus, Inneres und Äußeres. Gleich­zeitig hätte es die Aufgaben einer heraldischen Kammer zu erfüllten. Von der Militärverwaltung seien nur die Bestände des Hofkriegsrates zu über­nehmen, während das operative Material, Feldakten und Kartensammlung, !) Alig. Verwaltungsarchiv: Wiener Stadterweiterungsfonds: 28—5836/1870. 2) R. Meister, Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv und die Akademie der Wissenschaften. Sitzungsber. d. phil.-hist. Kl. 226/3 (1949), 10 ff.; Hammer- Purgstall, Erinnerungen aus meinem Leben. Fontes rer. austr. 11/70, 382. Ergänzend ist noch anzuführen, daß die Angelegenheit auch in der Ministerrats­sitzung vom 23. IX. 1848 beraten wurde (Protokoll im Haus-, Hof- u. Staats­archiv unter MC—3131/1848). Man begrüßte den Vorschlag wegen der Entlastung des Budgets des Hofstaates von den Auslagen für die Hofbibliothek und die Kabinette. Vgl. auch Meister, Ein unbekanntes Projekt für die Akademie der Wissenschaften, Archiv f. österr. Geschichte 119, 8 ff.

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