Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft 95 Immer kommt es auf die Persönlichkeit des Archivars an, wie er seinen komplexen Aufgabenkreis zu bewältigen vermag. Was sich dabei erreichen läßt, zeigt die Gestalt Ignaz Zibermayrs, der nicht nur zum zweiten Grün­der des oberösterreichischen Landesarchivs, sondern auch zum Geschichts­schreiber seines Heimatlandes geworden ist99). Aufklärung und Romantik sind die geistigen Ströme, die die Ge­schichtswissenschaft in Österreich zur Entfaltung brachten. Aus der Zeit des Vormärz ragt eine Einrichtung in das erste Jahrzehnt der Regierung des Kaisers Franz Joseph, die eine Brücke zwischen Geschichtsschreibung und den Archiven darstellt, das Amt der Reichshistoriographen. Als ihr erster Vertreter ist Hormayr zu nennen100), dann wurden Friedrich Hurter101) und Propst Jodok Stülz von St. Florian, der erste Herausgeber des oberösterreichischen Urkundenbuches, dazu berufen102). Man sieht, wie die politischen Absichten, die man verfolgte, und die faktische Konzen­tration der bahnbrechenden historischen Arbeit in den Ländern bei dieser Doppelbesetzung Hand in Hand gehen. Auf dem Papier blieb auch, wie unter Hormayr, der Zusammenhang mit dem Haus-, Hof- und Staatsarchiv gewahrt. Die Reichshistoriographen erscheinen in den Hof- und Staats­handbüchern beim Personalstand dieser Anstalt. 99) Dr. Ignaz Zibermayr. Oberösterreichische Heimatblätter 1 (1948) mit Beiträgen von Kriechbaum, Persönlichkeit und Lebenswerk, 124—129; Goldinger, Ignaz Zibermayr und das österreichische Archivwesen, 133—140; Wilhelm Bauer, Der Forscher, 129—133. Vgl. auch die Selbstbiographie: Österreichische Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen 1 (1950), 243—262. i°o) Vgl. Srbik, Metternich. Der Staatsmann und der Mensch 1, 502 ff.; Gesamtinventar d. Wiener Haus-, Hof- u. Staatsarchivs 1, 55 ff.; J. K. Mayr, Geschichte der Staatskanzlei im Zeitalter des Fürsten Metternich. Inventare d. Wiener Haus-, Hof- u. Staatsarchivs 2 (1935), 76 ff. Hormayr wurde als ein­ziger Österreicher auf die erste Liste der Monumenta Germaniae gesetzt, deren Bestrebungen von Anfang an von den österreichischen Archiven stark gefördert wurden. Bresslau, Geschichte der Monumenta Germaniae historica. Neues Archiv 42 (1921), 102. 101) Srbik, a. a. O., 233 ff.; J. K. Mayr, a. a. O., 49 f.; Alig. deutsche Biographie 13, 431 ff.; Heinrich v. Hurter, Friedrich v. Hurter. 2 Bände (1876—1877); P. Vogelsanger, Weg nach Rom. Friedrich Hurters geistige Entwicklung im Rahmen der romantischen Konversionsbewegung, Zürich 1954, 208 ff. 102) Claudia Helbok, Vorarlberger in der Akademie der Wissenschaften. Montfort (1947), 274; W. Pailler, Jodok Stülz, Prälat von St. Florian. Ein Lebensbild (1876), 70 ff. Personalakt im Haus-, Hof- u. Staatsarchiv: Adm. Registratur d. Min. d. Äußern, F 4, Stülz. Für seine Ernennung zum Reichs­historiographen ist Hammer-Purgstall eingetreten, der über die Berufung Hur­ters erbittert war. Vgl. seine Erinnnerungen in Fontes rer. austr. 11/70, 360. Über die Probleme bei Herausgabe d. oberösterr. Urkundenbuchs vgl. T r i n k s, Das Urkundenbuch d. Landes ob der Enns. Jahrb. d. oberöst. Musealvereins 85 (1933), 589 ff.; Sturmberger, Das Urkundenbuch des Stiftes Krems­münster. Festschrift zum 400jährigen Bestände des öffentl. Obergymnasiums d. Benediktiner zu Kremsmünster, hgg. v. Kremsmünsterer Verein (1949), 53—65.

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