Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde

Burgenkunde. 519 den erforderlichen Umbau nordtirolischer Festen erstattet, sind es wieder sehr aktuelle militärische Interessen, denen die Abbildungen dienen sollen. Damit sind wir aber bereits in eine Zeit vorgestoßen, wo die Burgen gelegentlich auch schon aus archäologischer oder künstlerischer Liebhaberei abgebildet werden. So ver­fertigte z. B. Dilich schon 1607 Handzeichnungen nach rheinischen Burgen, und im Schloß Brandis in Südtirol wird ein interessanter Codex auf be wahrt, der ungefähr aus derselben Zeit stammt und in sehr flotter und sicher nicht aus irgendwelcher praktischen Erwägung, sondern aus reiner Liebhaberei hergestellte Zeichnungen zahlreiche tirolische Burgen wieder­gibt. Hieher gehört auch die besondere Aufmerksamkeit, die etwa der Schweizer Merian in seiner Topographie von Österreich, Deutschland, Frankreich, Elsaß, Schweiz (1649 bis 1663) oder der aus Tirol gebürtige Mathematicus und Kartograph am Wiener Hofe Georg Matthias Vischer (gest. 1696) in seinen topographischen Stichen von Ober- und Nieder­österreich, Steiermark und Ungarn gerade den Burgen zuwendet, genau so wie unter Maria Theresia Peter Anich auf seiner berühmten Karte von Tirol die Burgen und Burgruinen mit geradezu auffallender Vollständigkeit verzeichnet. So braucht es uns nicht mehr zu wundern, daß den Burgen nun auch schon eigene illustrierte Schriften gewidmet werden, wie etwa das bereits 1696 erschienene Werk Le Roys über die „Castella et praetoria Brabantiae“, die 1776 gedruckte zweibändige Beschreibung der Sehenswürdigkeiten Englands, in der die „royal palaces, noblemens and gentlements seats“ einen breiten Raum einnehmen, oder Helfrechts 1795 verfaßtes Buch: „Ruinen, Altertümer und noch stehende Schlösser auf und an dem Fichtelgebirge.“ Ganz allgemein hat dann die Romantik die Burgen als Zeugen für die mittelalterliche Geschichte in den Blickpunkt der Gebildeten gerückt. Schon der junge Goethe, der ja bekanntlich der Romantik weit näher stand als der klassizistisch umgeformte Herr Geheimrat, hat durch seinen „Götz“ in diesem Sinne sehr anregend gewirkt, und die zahllosen Ritter­stücke, die bis auf den heutigen Tag noch nicht ganz ausgestorben sind, haben die Vorliebe für das Ritterwesen und für die Burgen auch in die breiten Kreise des Volkes hineingetragen. Vor allem aber haben die eigentlichen Romantiker durch zahlreiche Lieder und Balladen, die ihren Stoff dem ritterlichen Leben entlehnten, und vielleicht noch mehr durch Novellen und Romane das Interesse an den Burgen noch wesentlich vertieft. Werke, wie Brentanos „Chronik eines fahrenden Schülers“ oder Stifters „Narrenburg“, die wahre Perlen erzählender Kunst darstellen, oder wie die Romane von Walter Scott haben an dieser geistigen Ent­wicklung keinen geringen Anteil, und neben ihnen sorgten zahlreiche weniger hochstehende Erzählungen für die Popularisierung dieser Geisteshaltung. So konnte es nicht ausbleiben, daß diese allgemeine Einstellung und vor allem auch der neu erwachte Eifer für die heimat­liche Geschichte bald auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Burgen anregte. Gottschalk veröffentlicht 1815 bis 1835 gleich neun Bände über die „Ritterburgen und Bergschlösser Deutschlands“. 1819 bis 1820 erscheinen in Brünn vier Bände über „Die Burgfesten und Ritterschlösser der österreichischen Monarchie“, 1828 Kochs sechsbändiges Werk über „Die Ritterburgen und Bergschlösser im Königreiche Württemberg“, im gleichen Jahr Hottingers erster Band „Die Schweiz in ihren Ritterburgen und Bergschlössern historisch dargestellt“, 1832 bis 1839 die vier Bände Landaus über „Die hessischen Ritter­burgen und ihre Besitzer“. Schon allein die ähnlichen Titel dieser Werke, die aber durchaus kein vollständiges Verzeichnis darstellen, beweisen uns, daß es sich um Erzeugnisse einer und derselben geistigen Bewegung handelt. Freilich befassen sich alle diese Abhandlungen noch nicht mit den Burgen als Bauwerke, aber das allgemeine Interesse an ihnen wird auch so mächtig gefördert und eine Arbeit wie etwa Röggls für seine Zeit ganz ausgezeichnete Abhandlung über „Schloß Greifenstein und seine Besitzer“ („Beiträge“ des Innsbrucker Ferdinandeums 1828), der auf 120 Seiten 50 teilweise hochinteressante Urkunden beigefügt waren, beweist uns, mit welcher Gründlichkeit wenigstens die Geschichte der Burgen in einzelnen Fällen damals schon erfaßt und dargestellt wurde.

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