Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde
520 Weingartner, Die schon erwähnte tirolische Topographie von Staffier, die alle damals bekannten Burgen und ihre Bauten ausführlich behandelt, zeigt uns für ein bestimmtes Gebiet das Resultat der bisherigen Entwicklung. Dabei ist es dann allerdings lange Zeit geblieben, denn mehr als ein halbes Jahrhundert lang schreiben alle Schriftsteller, die sich kürzer oder länger mit irgendwelcher tirolischen Burg befassen, einfach den alten StafEler nach. Unterdessen hatte sich aber um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Ritterburgen ein neuer Gesichtspunkt geltend gemacht: ihr Wehrcharakter. Hier war es vor allem Viollet-le-Duc, der in seinem 1854 erschienenen Werke: „Essai sur l’architecture militaire au moyen age“ die Burg im Zusammenhang mit der Geschichte des Kriegswesens behandelte, und andere Autoren in anderen Ländern, wie etwa Robison in England („The Military Architecture Of The Middl Age“ 1859) und Krieg von Hochfelden in Deutschland („Geschichte der Militärarchitektur in Deutschland“ 1859) folgten ihm nach. Indessen war diese Betrachtungsweise, die zwar immer noch nicht die Burg als Ganzes erfaßte, aber doch wenigstens sie selber und nicht so sehr die Geschichte ihrer einstigen Bewohner oder die an ihr haftenden Sagen ins Auge faßte, ihrer ganzen Natur nach weit weniger populär und es dauerte Jahrzehnte, bis sie Allgemeingut der Burgenliteratur wurde, ja völlig verdrängt hat sie die rein geschichtliche Behandlung der Burgen auch heute noch nicht. Anderseits hat aber die gegen Ende des 19. und noch mehr in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mächtig anschwellende Literatur, die der Reihe nach die Burgen aller Länder, so Englands, Schottlands, Belgiens, Frankreichs, Italiens, der Schweiz, Kurlands, Livlands, Spaniens in den Kreis ihrer Betrachtung zog, und speziell in Deutschland und Österreich auch fast alle einzelnen Bundesstaaten und Provinzen für sich behandelte und die ich hier nicht mehr im einzelnen aufzählen kann, mit der Zeit doch auch der Burg als solcher, als architektonischer Erscheinung, als Wehrund Wohnbau größere Beachtung geschenkt. Auch die allgemeine wissenschaftliche Inventarisierung der Kunstdenkmäler, die in Deutschland in den achtziger Jahren, in Österreich 1907 einsetzte, hat die Burgen vor allem als Baudenkmäler ins Auge gefaßt, und da und dort wurde auch schon der Versuch unternommen, sie als bestimmten Bau typ zusammenfassend zu würdigen. So veröffentlichte J. N. Cori schon 1874 ein Buch über „Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter“ und J. Naeher 1885 ein anderes über „Die deutsche Burg, ihre Entstehung und ihr Wesen“, wobei allerdings der erste Autor hauptsächlich von den Burgen Oberösterreichs, der zweite von denen Südwestdeutschlands ausging. Über die „Bergfriede“ (1860), „Die Befestigungsweisen der Vorzeit und des Mittelalters“ (1898) schrieb Cohausen zusammenfassende Abhandlungen. Einen vorläufigen Abschluß fand diese ganze Entwicklung in der umfangreichen „Burgenkunde“ von Otto Piper, die 1895 zum erstenmal erschien und dann eine Reihe von Auflagen erlebte. Gleichzeitig fand Piper Gelegenheit, in seinem achtbändigen Werke über „Österreichische Burgen“ (1901 bis 1910) seine Betrachtungsweise an zahlreichen und teilweise sehr interessanten Objekten praktisch zu erproben. Die „Burgenkunde“ bespricht zunächst das Verhältnis der mittelalterlichen Burg zu den Römerbauten, wobei der Verfasser im Gegensatz zu der damals noch allgemein herrschenden Meinung einen sehr nüchternen und kritischen Standpunkt einnimmt und sich schon allein dadurch ein großes Verdienst erwarb. Nicht weniger verdienstlich aber ist Pipers Hinweis, daß vielmehr als die Römerkastelle die prähistorischen Ring wälle als Vorstufe für die mittelalterliche Burganlage in Frage kommen. Ein weiteres Kapitel behandelt die einzelnen Teile der Burg, wobei die Wehrbauten und die Wohnbauten in gleicher Weise berücksichtigt werden. In seinen „Österreichischen Burgen“ hat sich dann Piper vor allem darum bemüht, die ganze Anlage und alle einzelnen Teile der Burgen zu erklären, ihren Sinn und ihre praktische Bedeutung herauszustellen, und hat dabei oft genug einen sehr großen Scharfsinn bewiesen. Für die Besitzergeschichte dagegen, die ihn nicht sonderlich interessierte, begnügte er sich mit einer recht oberflächlichen Verwertung der bequem erreichbaren Literatur. Der größte Mangel