Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde

518 Burgenkunde. Von Josef Weingartner (Innsbruck). Daß die mittelalterlichen Burgen die Phantasie und das Interesse des Volkes von jeher stark beschäftigt haben, ist leicht zu verstehen. Ihre beherrschende, im ganzen Land­schaftsbild stark hervortretende Lage, ihre eigenartige und oft genug sehr eindrucksvolle Gestalt und überdies die Sagen und Überlieferungen, die ihre Mauern geheimnisvoll umweben, sind ebensoviel Gründe für diese allgemeine Erscheinung. Anders liegen die Dinge bei den frühmittelalterlichen und vorgeschichtlichen Wehranlagen. Ihre primitiven Wohnbauten und hölzernen Palisaden sind größtenteils verschwunden, über ihre in sich zusammen­gesunkenen Wälle aus Erde und Trockenmauerwerk wächst das Gras und rauscht der Wald, und in den meisten Fällen kündet weder eine Urkunde noch eine dunkle Sage von ihren einstigen Bewohnern. So kam es, daß die Erinnerung an sie in sehr vielen Fällen im Volke vollständig erloschen ist. Aber selbst dann beweist nicht selten der Flurname — z. B. Burg­stall, Kastellaz, Heidenmauer, Hexenplatz, daß dies nicht immer so gewesen ist und daß wenigstens in älterer Zeit das Andenken an eine ehemalige Befestigung noch lebendig war und die Volksphantasie beschäftigte. Das Interesse für die Überreste aus der Römerzeit hat übrigens auch die Vertreter der Wissenschaft schon früh auf die Burgen aufmerksam gemacht. In Tirol z. B. glaubte man mit Berufung auf die bekannte Stelle bei Horaz, die von den ,,arces alpibus impositas tremandis“ spricht, daß die meisten mittelalterlichen Höhenburgen wenigstens im Kerne schon in die Römerzeit zurückreichen und noch der alte Staffier, dessen ausgezeichnete Topographie ,,Tirol und Vorarlberg“ 1839 bis 1846 erschien, hat zur allgemeinen Ver­breitung dieser Meinung sehr viel beigetragen. Erst in den letzten Jahrzehnten ist sie wenigstens von der Wissenschaft aufgegeben worden und statt in den mittelalterlichen Feudalsitzen glaubt man heute die Alpenburgen des Horaz in den vorgeschichtlichen Ring­wällen wiederzuerkennen, um die sich zu Stafflers Zeiten und noch lange nachher niemand kümmerte. Aber auch die von dieser Römerhypothese unabhängige, rein heimatgeschichtliche Beschäftigung mit den Wohnsitzen des mittelalterlichen Adels reicht wesentlich weiter zurück, als man auf den ersten Blick glauben möchte. Das beweisen am besten die vielen Abbildungen von Burgen, die sich aus den verschiedensten Jahrhunderten erhalten haben. Freilich, wenn der Herzog von Berry zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf den Kalender­bildern eines besonders reich ausgestatteten Gebetbuches seine prächtigen Burgen abbilden ließ, so ist das noch nicht auf irgendwelches archäologisches Interesse, sondern einfach auf das stolze Bewußtsein des reichen Besitzers zurückzuführen, denn seine Burgen und Schlösser dienten damals noch den praktischen Anforderungen eines fürstlichen Daseins. Auch die Burgen, die auf Tafelbildern, Kupferstichen und Holzschnitten des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts die Hintergrundslandschaften beleben, dienen nicht geschichtlicher Lieb­haberei, sondern einfach der Freude an der möglichst naturgetreuen Wiedergabe der Land­schaft. In anderen Fällen, so z. B. bei einem Codex des Tiroler Landesarchivs, der sehr interessante Burgenbilder aus dem 16. Jahrhundert enthält, bei den kartographischen Aufnahmen, die Paul Dax um 1550 von Kufstein und seinen Befestigungen anfertigte, bei den Burgenbildern des tirolischen Kanzlers Burglechner, bei den illustrierten Inspektions­berichten, die der Hofbaumeister Elias Gump im 17. Jahrhundert über den Zustand und

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