Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 80. Dietrich W. H. Schwarz (Zürich): Zwei gotische Archivschränke aus Zürich. (Mit 3 Tafeln.)
Zwei gotische Archivschränke aus Zürich. 517 In den Jahren 1502 und 1503 hingegen finden sich Ausgaben für einen „Briefhalt“ oder „Briefbhalt“ in der Sakristei1). Dies ist ganz ohne Zweifel ein Archivschrank 2). Die Gesamtkosten sind um die Hälfte größer als für den Schrank von 1480, was durch die zahlreichen Schubladen gerechtfertigt wäre — denn die Teuerung in jenen rund zwanzig Jahren war nur mäßig. Sehr bemerkenswert wäre, daß der neue Schrank dem älteren in allem angepaßt wurde, so daß er als Gegenstück dienen konnte. Eine leichte stilistische Wandlung können wir in der Dekorationsmalerei allerdings feststellen. Diese Beobachtung wurde bis heute auch deswegen noch nie gemacht, weil die Türflügel einmal verwechselt worden und in dieser falschen Stellung bis heute geblieben sind. Denn jetzt sind je ein Flügel von Schrank A und B zusammen montiert und nicht die zwei zusammengehörigen. Dies geht deutlich aus der Art der Beschlägemalerei hervor, wo der linke Flügel von A und der rechte von B den gleichen Schwung der Ranken und die gleichen stilisierten Blattformen zeigen, während wiederum für den rechten Flügel von A und den linken von B die gleichen Schablonen zum Aufmalen der Dekoration gebraucht wurden. Daß die Verwechslung schon früh — vielleicht beim Umbau von A zum Archivschrank oder bei der Anfertigung des dritten Schrankes vor 1555 — erfolgte, wird durch die ehemalige Lage der heute demontierten Schlösser aus dem 16. oder 17. Jahrhundert bewiesen, die schon auf die unrichtige Zusammenstellung der Flügel abgestimmt war. Bei unserer kurzen Betrachtung erkannten wir, daß die beiden Schränke — ganz abgesehen von ihrem früheren Inhalt — manches über die Geschichte Zürichs aussagen können. Zunächst haben sie dem an Personenzahl größten weltlichen Chorherrenstift der Diözese Konstanz — was die Propstei St. Felix und Regula oder das Großmünster zu Zürich nämlich war — gedient, dann nach der Reformation und Säkularisierung allein dem Stadtarchiv. Im Zeitalter der Rationalisierung und Modernisierung des 19. Jahrhunderts verloren sie ihre praktische Bedeutung und wurden zu leider wenig beachteten Museumsstücken. Hoffen wir, daß ihnen eine vertiefte historische Erkenntnis, die diese Zeilen mitanbahnen möchten, die gebührende Achtung wieder verschafft und daß auch die Schädigungen durch die „Renovation“ um 1895 wieder gutgemacht werden können. *) Escher, Rechnungen, ASA XXX, S. 252 f. 2) Von einer Einrichtung zum Festhalten von Briefen an der Wand, wie sie sich Escher nach seinem Hinweis auf „Holbein, Bildnis hiezu 1532“ (wohl Georg Gisze gemeint) vorzustellen schien, kann keine Rede sein, schon wegen der großen Kosten.