Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VIII. Kunstgeschichte - 78. † Hermann Egger (Graz): Das päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert

Das päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert. 497 zu erzielen. Trotzdem konnte diese „maggior sollecitudine“ nicht erreicht werden, sowohl wegen der noch zu bewältigenden umfangreichen Abbrucharbeiten als auch zufolge der langwierigen Fortschaffung der riesigen Schuttmassen. Ende 1608 standen ja noch die gesamten Vorbauten von Alt-St. Peter aufrecht, vom Palaste des Archipresbyters ange­fangen bis zum Ostflügel Pauls II. und dem anschließenden Kanzleigebäude x). Während sich aus den Zahlungseintragungen die einzelnen Phasen der Demolierung des Campaniles von Alt-St. Peter von der Bergung der Glocken im September 1609 bis zum Einsturz der restlichen Mauern im Oktober ergaben, ließen sich für die Loggia della Benedizione keine Belege ermitteln * 2). Es ist daher nicht verwunderlich, wenn für den Abbruch des Kanzleigebäudes nur wenige Belege vorliegen. Obwohl sich die Arbeiten vom 13. Jänner 1609 3) bis 7. Mai 1610 4) hinzogen, konnte J. A. F. Orbaan nur 10 Ein­tragungen feststellen, zumeist mit dem stets gleichen Vermerk: ,,a buon gettito déllé mura della Dataria.“ Als Ergänzung zu den von ihm gebrachten Belegen sei noch auf eine bisher nicht beachtete Stelle in einer vom 31. Jänner 1609 datierten Zahlungsanweisung an M. Giovanni Bellucci hingewiesen für die von ihm besorgte Überführung von Archiv­beständen nach dem Monte Cavallo 5), woselbst sich der Bau der neuen Dataria erhob. An diese kritische Übersicht über das vorhandene Quellenmaterial für das Kanzlei­gebäude sollte sich eine eingehende Beweisführung für seine einzelnen Bauperioden anschließen. Diese würde jedoch den zur Verfügung stehenden Raum weit überschreiten. Infolgedessen seien in den letzten Abschnitten meine bisherigen Ergebnisse in aller Kürze zusammengefaßt. Entscheidend für die bauliche Entwicklung des Kanzleigebäudes war der durch Leo III. (795 bis 816) erfolgte Umbau des bereits bestehenden päpstlichen Absteige­quartiers. Seine erweiterte Anlage erhielt einen prächtigen apsidengeschmückten Speise­saal, der sich mit einem westlich anschließenden neuen Palastteil entlang dem Nordrand des Atriums hinzog, u. zw. bis zu jener Treppe, die unmittelbar zur Vorhalle der Basilika hinabführte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bereits unter Gregor IV. (827 bis 844) darüber ein erstes Stockwerk aufgebaut wurde, um zunächst einen Raum für ein päpstliches Schlaf­gemach zu erhalten. Für die Ausgestaltung dieses langgestreckten Traktes durch Eugen III. (1145 bis 1153) fehlen nähere Angaben. Dagegen läßt der wenn auch knappe Bericht über die Bautätigkeit Innozenz III. (1198 bis 1216) vermuten, daß in jenem Obergeschoß bereits Räume für die thesauraria, für den cancellarius, den camerarius wie für den eleemosinarius vorgesehen waren, was in der Folge die Unterbringung weiterer kurialer Ämter in diesem Palasttrakte nach sich zog 6). Wie lange der erwähnte Leoninische Speisesaal seine ursprüngliche Bestimmung beibehielt, ließ sich bisher nicht ermitteln. Ein „triclinium“ kehrt in allen späteren, auf den unteren Palast sich beziehenden Dokumenten nicht mehr wieder. Doch möchte ich mit jenem apsidengeschmückten Raum eine Stelle in den Gestis Innocentii III. in q Vgl. Orbaan J. A. F., a. a. O., S. 72 ff. 2) Die Abtragung ihrer dreigeschossigen Arkaden muß sich doch durch mehrere Monate erstreckt haben, weil man dabei bedacht war, ihre kostbaren Travertinquadern zu schonen und sorgsam zu sammeln, um sie bei der „Mostra dell’Aqua Paola“ auf dem Janiculum neuerdings zu verwenden. 3) Archivio Capit, di S. Pietro, cod. 189, fol. 5'., Eintragung vom 16. Jänner 1609: ,,A muratori a buon conto del gettito, che fanno del palazzo della Dataria cominciato addi 13 presente“ (Orbaan, a. a. O., S. 72). 4) Ibid., cod. 195, fol. 42 (Orbaan, a. a. O., S. 84). 6) ASR., Mand. per le fabbriche 1600 bis 1614, fase. 4, fol. 3: ,,A condurre dal palazzo che si butta in terra al magazzino levare li libri delli archivi . . .“ Eine weitere Zahlung an den Fattore G. Belucci vom 14. Februar 1609 bezieht sich auf die Fortschaffung von „legnami et treuertino dalle rouine del palazzo della Dataria uecchia“. ®) Gesta Innocentii III. ed. Migne, Patrol, lat., vol. 214, c. CCXI; Mai, Spicil. Rom, VI, p. 307. 32 Festschrift, II. Band.

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