Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

482 Novotny, Während Stein als Professor an der Kieler Universität angestellt war, begannen die schleswig- holsteinschen Wirren, indem der deutsche Bund durch einen Beschluß der Bundesversammlung vom 17. September 1846 die Rechte der Herzogtümer der königl. dänischen Regierung gegenüber unter seinen Schutz nahm, König Christian VIII. hingegen durch seinen offenen Brief ein Sukzessionsprinzip und eine Einverleibung Schleswigs in das Königreich Dänemark aussprach, die mit dem Inhalte jenes Bundes­beschlusses, wenigstens nach der Auffassung, die ihm allgemein zuteil geworden war, in direktem Wider­spruch standen. Die Professoren der Geschichte, des Rechts und der Staatswissenschaften an der Kieler Universität konnten sich diesem Streite der beiden höchsten Autoritäten der Herzogtümer über deren Rechtszustand nicht fernehalten und veröffentlichten zur Rechtfertigung ihres Verhaltens eine Gesamt­schrift über das Staats- und Erbrecht des Herzogtums Schleswig, in welchem sie die Rechtsauffassung der deutschen Bundesversammlung geschichtlich und rechtlich zu begründen suchen. Ihre Lage wurde immer schwieriger, als im Jahre 1848 die Erhebung des Prinzen von Augustenburg und der bewaffnete Aufstand der Herzogtümer unter dem Schutze und dem Beistände des Königs von Preußen und der deutschen Reichsgewalt erfolgte. Professor Stein vertrat mit Entschiedenheit die Sache der Herzogtümer mit Wort und Schrift, konnte sich aber weder mit den Leitern der radikalen Bewegung verständigen noch mit den unheilvollen preußischen Bestrebungen befreunden und beteiligte sich daher auch ebensowenig an der provisorischen Regierung als an dem Kampfe mit den Waffen. Die Folge hievon war, daß er nach Wiederherstellung der dänischen Regierungsgewalt seiner Stellung enthoben wurde, daß er aber auch, während die meisten seiner Kollegen, die dasselbe Schicksal hatten, in Preußen angestellt wurden, hierauf keine Aussicht hatte. Dies veranlaßte ihn, nach Österreich zu übersiedeln, in der Hoffnung, hier, sei es im Lehramte, sei es in einer praktischen Verwendung, sich eine neue, seine nationalökonomischen Studien för­dernde Existenz zu gründen. Steins hervorragende wissenschaftliche Befähigung unterliegt keinem Zweifel. In seiner wissenschaft­lichen Richtung ist die Entschiedenheit, mit welcher er das Gewicht der tatsächlichen Verhältnisse im Gegensätze zu hohlen Abstraktionen würdiget, sowie insbesondere seine richtige Würdigung der großen politischen Bedeutung des Grundbesitzes und der Stabilität desselben, sehr empfehlenswert. Er ist über­dies in ungewöhnlichem Grade mit den Verhältnissen Norddeutschlands in politischer, volkswirtschaftlicher und handelspolitischer Beziehung vertraut und durchdrungen von der Einsicht in die Notwendigkeit und in die Bedingungen der Hebung des österreichischen Einflusses. Ich glaube daher mit voller Beruhigung verbürgen zu können, daß er sowohl im Lehramte als durch seinen anderweitigen persönlichen und literarischen Einfluß auf die Förderung des Studiums der National­ökonomie sowie der handelspolitischen Interessen Österreichs sehr wohltätig einwirken werde. Der Allerhöchsten Vorschrift entsprechend, habe ich wegen seiner als eines Ausländers Verwendung im Lehrfache das Einvernehmen mit dem Chef der obersten Polizeibehörde gepflogen. Derselbe hat sich, ohne seme Meinung auszusprechen, darauf beschränkt, mir die eingeholten Auskünfte über Steins Persön­lichkeit mitzuteilen. Diese Auskünfte wurden vorerst im diplomatischen Wege von der königl. dänischen Regierung eingeholt. Sie lauten, wie Euere Majestät aus dem Anschluß allergnädigst zu ersehen geruhen, in politischer Beziehung nicht günstig. Das konnte aber unter den dargestellten Verhältnissen nicht anders sein und scheint mir von keinem Gewichte. Auf mein wiederholtes Ersuchen um die Meinung des Chefs der obersten Polizeibehörde, mit Rücksicht auf die Wahrnehmungen, zu denen Stein seit seinem Aufenthalte in Wien Veranlassung gab, hat mir derselbe laut der weiter ehrfurchtsvoll angesclilossenen Note lediglich mitgeteilt, daß derselbe nach den eingezogenen Erkundigungen sehr zurückgezogen lebe, mit wenigen Personen verkehre, in seinen Äußerungen sehr vorsichtig sei und keinen Anlaß zu imgünstigen Wahr­nehmungen gegeben habe. Ich bin in der Lage, diese Auskunft dahin zu vervollständigen, daß Dr. Stein bereits mit allen hervor­ragenden Persönlichkeiten, die sich um die volkswirtschaftlichen Angelegenheiten interessieren, in lebhafter Berührung sowie mit anderen wissenschaftlichen Notabilitäten von erprobter Gesinnung in freundlichem Verkehre steht und von denselben gewürdiget wird und daß er fortwährend in der deutschen Presse die Zustände Österreichs verständlich zu machen und ihre Wichtigkeit für Deutschland hervorzuheben bemüht ist. Ich erlaube mir den ehrfurchtsvollen Antrag, Euere Majestät wollen geruhen, den Dr. L. Stein zum ordentlichen Professor der politischen Ökonomie an der Wiener Universität mit dem Gehalte von 2500 Gulden, welchen mehrere der älteren Professoren beziehen, und dem systemmäßigen Quartiergelde von 150 Gulden definitiv zu ernennen und ihm die Nachsicht der Karenztaxe allergnädigst zu bewilligen, eme Begünstigung, welche durch den Umstand gerechtfertigt erscheint, daß Dr. Stein in der Lage ist, eine lukrativere Anstellung bei einer Privatgesellschaft zu erlangen, und zwar aus Liebe zum Lehrfache auf dieselbe unter obigen Bedingungen zu verzichten bereitwillig ist, sich aber dazu kaum entschließen dürfte, wenn seine Bezüge während des ersten Jahres in einer Weise geschmälert würden, die seine Existenz in Wien zu einer wenig angenehmen machen müßte. Wien, den 15. März 1855. Thun

Next

/
Oldalképek
Tartalom