Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

Lorenz von Steins Berufung nach Wien. 481 Alleruntertänigster Vortrag des treugehorsamsten Ministers für Kultus und Unterricht Leo Grafen von Thun über die Besetzung der an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät zu Wien durch den Tod des Professors der politischen Wissenschaften August Nowak erledigten Lehrkanzel. Allergnädigster Herr! Durch den Tod des Professors Dr. August Nowak wurde an der Wiener Universi­tät die Lehrkanzel der politischen Wissenschaften erledigt. Dieselbe umfaßte nach der aus früherer Zeit herrührenden Einrichtung die politische Ökonomie, das ist Volkswirtschaftslehre (Nationalökonomie) nebst Finanzwissenschaft und die sogenannte Polizeiwissenschaft. Über diesen letzteren Gegenstand liest seitdem der Professor der politischen Gesetzkunde Dr. Stuben- rauch, wobei es auch sein Bewenden haben kann. Das Fach der politischen Ökonomie hingegen ist ohne Vertretung und eine Fürsorge in dieser Beziehung bei dem Herannahen eines neuen Studiensemesters dringend notwendig. Wie sehr dieses wichtige, in die praktischen Lebensverhältnisse auch unmittelbar so tief eingreifende Lehrfach bisher in Österreich vernachlässigt war, ist am schlagendsten daraus zu entnehmen, daß dafür bis zum Umstürze der früheren Studieneinrichtung im Jahre 1848 ein in den 70er Jahren des vorigen Jahr­hunderts erschienenes Lehrbuch von Sonnenfels vorgeschrieben war und daß seit dem Erscheinen jenes Werkes die Literatur des Gegenstandes in Österreich außer einem Handbuche von dem unlängst verstorbenen Professor Kudler und einigen kleineren Monographien, nichts aufzuweisen hat. Hiedurch findet es auch seine Erklärung, daß ein hervorragender Lehrer dieses Faches gegenwärtig in Österreich nicht gefunden werden kann. Diese Tatsache hat auch das Professorenkollegium der Wiener Universität erkannt, indem es sich bestimmt fand, laut des ehrfurchtsvollst angeschlossenen Berichtes vom 22. Jänner 1. J. Z. 82 aus eigenem Antriebe um die Berufung eines der ausgezeichneten Nationalökonomen Deutschlands zu bitten und von der Voraussetzung ausgehend, daß Professor Rau in Heidelberg, welcher überdies schon in Jahren vorgerückt ist, und Professor Hanssen in Göttingen kaum zu gewinnen sein dürften, primo loco den Professor Roscher in Leipzig, secundo loco aber den gegenwärtig in Wien weilenden gewesenen Professor der Kieler Universität L. Stein in Vorschlag bringt. Mit Professor Roscher, meiner Überzeugung nach die wünschenswerteste Aquisition, habe ich schon vor einiger Zeit Unterhandlungen angeknüpft. Zu meinem Bedauern hat sich derselbe aber schließlich teils durch die Bemühungen der königl. sächsischen Regierung, ihn für Leipzig zu erhalten, teils durch besorgliche Rücksichten auf die schwankenden Geldverhältnisse Österreichs bestimmt gefunden, alle Anerbietungen unbedingt zurückzuweisen. Professor Hanssen könnte bei der sehr günstigen Stellung, deren er sich in Göttingen erfreut, jedenfalls nur mit großen Opfern gewonnen werden. Ich glaube demnach, den Dr. L. Stein Euerer Majestät in tiefster Ehrfurcht empfehlen zu sollen. [L. Stein im Jahre 1815 zu Eckernförde (recte Barby) im Herzogtume Schleswig geboren und evangelischer Religion, verheiratet und Vater von zwei Kindern, hat mit gnädigster Unterstützung Seiner Majestät weiland Friedrich VI., Königs von Dänemark, die gelehrte Schule besucht, bei den rigorosen Staats­examen die ausgezeichnetste Klasse und in gesetzlicher Folge desselben ein Reisestipendium erhalten. Im Jahre 1841 ging er nach Paris, wo die Störungen der gesellschaftlichen Zustände einen so tiefen Eindruck auf ihn machten, daß er sein erstes größeres Werk, die Geschichte des Sozialismus und Kommunismus ent­warf und ausführte, ein Werk, welches soviel Beifall und Beachtung fand, daß er sich im Jahre 1852 (recte 1850) veranlaßt sah, es in dritter Auflage zu einer Geschichte der sozialen Bewegung in drei Bänden umzuarbeiten. Er wollte mit dieser Arbeit zuerst die Gefahr nachweisen, die in jenen sehr ernsten Erscheinungen lag, ihre Entstehung und ihre faktischen Anknüpfungspunkte im Leben der Gesellschaft zeigen und vor denselben noch rechtzeitig warnen. In seiner dritten Auflage noch tiefergreifend, suchte er aus der neuesten französischen Geschichte die Verkehrtheit der den revolutionären Erscheinungen zum Teile zugrunde liegenden Idee einer allgemein gültigen Staatsverfassung zu bekämpfen und zu beweisen, wie der Wert von Verfassungsformen nicht nach abstrakten Prinzipien, sondern nach den gegebenen Verhältnissen der Gesellschaft gewogen werden müsse. Zu gleicher Zeit arbeitete Stein mit Professor Wamkönig die erste französische Reichs- und Rechts­geschichte aus, die im Jahre 1846 in drei Bänden erschien und große Anerkennung fand. Im Jahre 1843 schon hatte er sich als Privatdozent der Staatswissenschaft in Kiel habilitiert und hielt, nach kurzer Zeit zum Professor derselben ernannt, seitdem Vorlesungen über die einschlägigen Fächer. Im Jahre 1852 veröffentlichte er den ersten Band seines Systems der Staatswissenschaften, in welchem namentlich die Lehre von der Volkswirtschaft enthalten ist und worin er versuchte, dieselbe als ein wissen­schaftliches System im strengen Sinne des Wortes darzustellen. Außerdem hat er in mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften gediegene Abhandlungen über französische, deutsche und skandinavische Rechtsgeschichte, über volkswirtschaftliche Fragen, über deutsches und französisches Recht usw. geschrieben und in mehreren politischen Blättern mit großer Ent­schiedenheit die österreichischen Interessen und die österreichische Politik gegenüber namentlich den nord­deutschen, Österreich feindlichen Bestrebungen vertreten.] 31 Festschrift II. Band.

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