Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

478 Novotny, Damit erhebt sich noch eine letzte interessante Frage. Stein hat auch in Wien noch immer Gelegenheit gefunden, zur Frauenfrage, zu juristischen und sogar zu militärischen Problemen als Gelehrter und als Publizist Stellung zu nehmen. Der Historiker Stein ist nach 1855 nicht mehr recht zu Worte gekommen. Gelegentlich findet man noch in kleinen Anmerkungen seiner großen, systematischen Werke eine wehmütige Erinnerung an die Zeit, da seine historische Ader voll sprudelnden Lebens geströmt war und in der ihn mancher Laie, aber auch mancher Fachmann für ein historisches Talent gehalten hatte. Die Ge­schichte der sozialen Bewegung in Frankreich (1850) ist das einzige, größere historische Werk Steins geblieben und es erhebt sich die Frage, wo wir die Momente zu suchen haben, die diese Ansätze für immer verschütten sollten. Wir meinen, daß sie in äußeren Einflüssen, aber auch in der Haltung der damaligen geschichtlichen Wissenschaft liegen. Der Ausgang der Revolution zwang Stein zu einer gründlichen Revision seiner Ansichten und erweckte in ihm die Erkenntnis, daß man sich wohl noch viel tiefer und umfangreicher in geschichtliche Studien versenken müsse, um als Historiker Wesentliches zu den Zeitereignissen sagen zu können. Er hatte offenbar auch die Schwierigkeiten unterschätzt, die sich einer solid unter­bauten, zeitgeschichtlich orientierten Auffassung entgegenstellen mußten, wenn sie Wissen­schaft im strengen Sinne bleiben wollte. Das starke Zurückgreifen auf die Methoden zur Erforschung und Kritik mittelalterlicher Quellen, wie es damals, auch an dem 1854 gegründeten Institut für österreichische Geschichtsforschung mehr um sich griff, kam dieser Auffassung wenig entgegen. An den geschichtlichen Lehrkanzeln der deutschen Universitäten, besonders denen für neuere Geschichte, setzte sich unter dem Einfluß Rankes, aber auch Droysens und anderer Männer mehr und mehr die Anschauung vom Primat der äußeren Politik vor der inneren durch und Stein war als Historiker doch wohl zu schwach, um dieser Ansicht von seinem Standpunkt aus wirksam entgegenzutreten. Ähnlich wie Ranke vielleicht bemühte er sich, in der akademischen Wissenschaft die solide Grundlage für alle Politik zu schaffen, aber während Ranke diese Grundlage in der Geschichte erblickte, suchte Stein sie in der Staatswissenschaft. Trotzdem muß man es bedauern, daß Stein die Geschichte seiner Zeit niemals unter die Lupe seiner eigenen sozialwissenschaftlichen Kategorien genommen hat. Gerade die Ereig­nisse der Jahre 1850 bis 1890 hätten dazu manche reizvolle Anregung geboten. Er ist der Staatswissenschafter geblieben, als der er 1855 an die Wiener Universität berufen wurde und als den ihn auch der Minister für Kultus und Unterricht, Graf Leo Thun, betrachtet hat1). x) Exkurs: Stein als Historiker. Als Student hat Stein Philosophie und Rechtswissenschaft, und Geschichte höchstens in dritter Linie betrieben. Seine Werke haben jedoch von Anfang an einen historischen Anstrich. In seinen juristischen Arbeiten wird die historische Entwicklung immer mitberücksichtigt. Sozialismus und Kom­munismus sind für ihn zunächst kein historisches, sondern ein aktuelles Thema gewesen. Erst indem er sich da hinein vertiefte, kam er auf die Geschichte des Problems, um das persönlich Beobachtete besser zu verstehen. Ihn leitete also eine pragmatische Überlegung. Obwohl also historische Außenseiter, sind Steins Werke für den Historiker dennoch wertvoll und interessant. Methodisch und quellenkritisch standen sie nicht auf der Höhe der Forschung. Die Ausbildung der historischen Methoden war wohl schon zu weit fortgeschritten, als daß Stein unter Historikern größere Beachtung gefunden hätte. Die Belege sind sehr geschickt, aber wohl etwas einseitig und mit einer bestimmten Absicht ausgewählt. Es lag ihm daran, gewisse Thesen zu beweisen und sein Instinkt für das Wesentliche und Bedeutende leitete ihn auf Stellen, mit denen er ohne große Schwierigkeit sein Ziel erreichte. Dadurch hat er wohl manchmal über die Unzulänglichkeit der Quelleninterpretation hinweggetäuscht. Sein Verdienst bestand mehr in der Gewinnung neuer — auch historischer — Gesichtspunkte, die man nachher historisch-kritisch untersuchen hätte müssen. Im 18. Jahrhundert noch hätten seine Schriften als Werke eines genialen Dilettanten wahrscheinlich größten Anklang gefunden. Die Aktualität, der Steins sozialgeschichtliches Hauptwerk die große Verbreitung dankte, spricht noch nicht gegen seinen wissenschaftlichen Charakter. In miserem Jahrhundert hat Rostowtzeffs Haupt­werk aus ähnlichen Gründen Aufsehen erregt. Dieser Umstand, den die offiziellen Rezensionen meist über­gangen haben, wird von Ortega y Gasset (S. 89) stark hervorgehoben. Jedoch Rostowtzeff hatte seine sozial - und wirtschaftsgeschichtlichen Studien, nicht erst durch den Bolschewismus dazu angeregt, bereits vor

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