Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

Lorenz von Steins Berufung nach Wien. 479 Beilage *). Vortrag über die Ernennung Lorenz von Steins zum Professor für 'politische Wissen­schaften an der Wiener Universität 15./22. März 1855. Original von Schreiberhand, von Kaiser 1900 begonnen und nach Jahrzehnten sorgfältigster Kleinarbeit mit aller Breite, Tiefe und Reife zu Ende geführt. Stein hingegen hat seine Studien 1850, zwei knappe Jahre nach der Revolution, abgeschlossen, zu einer Zeit also, da er ihre Folgen noch gar nicht völlig übersehen konnte. Karl Marx hat sein System der politischen Ökonomie nach 1850 bis an sein Lebensende völlig umgebaut. Stein ist als Sozialhistoriker und als Sozialwissenschafter nicht mehr dazugekommen, aus der Revolution alle Konsequenzen zu ziehen. Auch C. Schmitt (S. 645) kann nur bedauernd feststellen: „Stein hat, obwohl er über dreißig Jahre in Wien lebte und während dieser Zeit viele bedeutende Werke veröffentlichte, soviel ich sehe, nicht einmal den Versuch gemacht, die innere und äußere Gesamtlage der habsburgischen Monarchie mit seinen Kategorien von Staat und Gesellschaft zu erfassen“. Auch wenn Stein die junge Soziologie zur Grundlage seiner geschichtlichen Darstellung macht, nimmt ihr dies noch nichts von ihrem historischen Wert. E. Fueter hat den Einfluß Comtes auf die Schulen Taines und Buckles untersucht, eine Wirkung Comtes auf deutsche Schulen geleugnet. Könnte man jedoch nicht das Lebenswerk Lamprechts — zum Teil wenigstens — als Versuch betrachten, Comtesches Denken in der Geschichte anzuwenden (freundlicher Hinweis von Dr. R. Endres, Wien) ? Seignobos hat ein sehr talentiertes Buch über die Anwendung der historischen Methode auf die Sozialwissenschaft geschrieben. Warum sollte nicht einmal, wie es bei Stein geschieht, von St. Simon aus der umgekehrte Weg versucht werden ? Daß Stein als Historiker nicht unbegabt war, hat J. G. Droysen zugegeben, der ihn von Kiel her kannte. (S. Hübner I., 617, II 102—104, sowie auch Gilbert.). Er hat ihn nicht nur „den eifrigsten und geschick­testen Publizisten“ genannt, sondern ihn sogar für eine Staatengeschichte der neuesten Zeit empfohlen: „Stein in Kiel ist ein Mann, der über jedes Thema vortrefflich zu sprechen weiß, warum nicht auch einmal über die skandinavische Geschichte ? . . . Eine tiefere Kenntnis der Dinge hat er gewiß nicht, aber er wird, wenn es nötig ist, sie soweit, wie es für seine Zwecke gehört, sich anzueignen wissen.“ (18. Oktober 1854.) Zu den Anlagen eines guten Historikers, die er ohne Zweifel besaß, gehörte eine fein differenzierte Gabe, zu beobachten, ein sehr weitreichendes Einfühlungsvermögen und auch die Fähigkeit, jede große Erscheinung von zwei ganz entgegengesetzten Standpunkten zu betrachten. Damit kommen wir auf die Eigenart von Steins Dialektik. Die Ein wände gegen alle Versuche, vom philosophischen Standpunkt aus Geschichte zu betreiben, sind so alt wie diese Versuche selbst, aber trotz W. v. Humboldt und Ranke haben Idealismus, Positivismus und Materialismus diesen Verlockungen nie ganz widerstehen können. Trotz allem Mangel an philo­sophischem System und trotz aller Aufgeschlossenheit für das Individuelle ist Steins Werk ein dialektischer Versuch, Geschichte zu betrachten, daher philosophische Geschichtsschreibung im weiteren Sinne. Doch ist seine Dialektik sorgfältiger, tiefer eindringend, nicht so gewaltig, daher wohl historischer als andere ähn­liche Versuche. Die von ihm entwickelten Gegensatzpaare, Gesellschaft und Staat, Besitz und Bildung, das Natürliche und das Persönliche werden von ihm historisch, nicht bloß philosophisch-dialektisch entwickelt. Im Prinzip und im Organismus des Lebens sieht er das Thema der Sozialgeschichte und vielleicht aller Geschichte überhaupt. Es scheint uns, daß er den Gegensatz zwischen Geist und Materie sehr tief erfaßt, wenn auch nicht erschöpfend entwickelt hat, daß er — in gewissem Sinne — die Synthese zwischen Hegel und Marx darstellt. * Um dieses Programm wirklich auszuführen, war Stein philosophisch wohl zu wenig klar und zu wenig fest. So ist sein Versuch, philosophische Geschichte auf höherer und gereifterer Stufe zu treiben, in den Ansätzen stecken geblieben. So wie er als Philosoph Eklektiker und letzten Endes Dilettant geblieben ist, so auch als Historiker. Er hat die Gesellschaft und alles, was mit ihr zusammenhängt, als den wesentlichen Inhalt der Geschichte dargestellt, dabei mit genialer Vielseitigkeit geistige und materielle Kultur sowie die Probleme der Ver­fassung und Verwaltung unter diesem Gesichtspunkt durchleuchtet. Er hat es verstanden, mit intuitiver Feinheit zu vorletzten, vielleicht sogar zu letzten( ?) Fragen vorzudringen — alles dies bei starker Vernach­lässigung des historischen Handwerkzeuges der Hilfswissenschaften, der Quellenkritik, kurz der historischen Methoden überhaupt. Wohl hat ihm auch die Ruhe und Beharrlichkeit gefehlt, sich mit liebevoller Mühe dahinein zu vertiefen. Darum hat er — nicht zuletzt wegen dieses Mangels — die königliche Kirnst des Historikers, jede Erscheinung möglichst nur aus den Voraussetzungen ihrer Zeit heraus zu verstehen, nur mangelhaft beherrscht. Es war durchaus folgerichtig, daß er nach 1850 eine Professur für die systematische Staatswissenschaft und nicht für die Geschichte anstrebte. Seine Tätigkeit in Wien hat die Abkehr von der Historie dann vollendet. x) Bemerkungen zum Vortrage Thuns. Bei der Ernennung Steins zum Professor in Wien steht ohne Zweifel die Person des Ministers für Kultus und Unterricht im Mittelpunkt des Interesses. Auch heute, da umfangreichere Forschungen über ihn noch ausständig sind, besitzen wir schon ein gerundetes, widerspruchfreies Bild von ihm, das durch

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