Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

Lorenz von Steins Berufung nach Wien. 477 Der große, der entscheidende Anstoß für Steins wissenschaftliche Anschauungen wurde nicht eine akademische Lehre, sondern das Erlebnis und der Ausgang des Jahres 1848. Wie die Revolution das Denken jedes Menschen verändert, ist sie auch für Stein Erprobung und Bewährung seiner in früheren Werken niedergelegten Theorien über Staat und Gesellschaft geworden. Prophetengabe war von ihm nicht zu verlangen und es ist verzeihlich, wenn er 1842 die revolutionären Kräfte des Sozialismus und Kommunismus aus unmittelbarer Nähe in ihrem Schwung und in ihrer staatenbildenden Kraft hoch, vielleicht zu hoch eingeschätzt hatte. In der Auflage von 1850, die Stein als ein ganz neues Werk betrachtete, zeigten sich seine Anschauungen gereift und abgerundet, aber nicht eigentlich verändert. Erst die folgenden Jahre führten zu einer inneren Wendung, die mit Steins Berufung nach Wien ihren Abschluß fand. Sein Urteil über die erhaltenden und die revolutionären Kräfte in der Politik hatten sich durch eigene Erlebnisse gewandelt. Vielleicht begriff er auch, daß er sich in jugendlichem Übereifer das Programm für ein Menschenleben zu weit gesteckt hatte. Er empfand die Notwendigkeit, ein klares und festes Verhältnis zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Verfassung herzustellen. Dies führte ihn zu einer Begründung der Staatswissenschaft, deren Grundriß wir bereits im ersten Bande seines Hauptwerkes 1852 finden. An diesem Werke schon wurde deutlich, wohin die weitere Entwicklung Steins führen sollte. Auch in dieser Beschränkung zeigte er sich als Meister. Seinen früheren historischen Werken über Gesellschaft stellte er 1856 eine systematische Gesellschaftslehre zur Seite, der noch weitere soziologische Werke folgen sollten. Der Wichtigkeit der Geistes­bildung für die gesellschaftliche und politische Entwicklung, einer alten Überzeugung Steins, die am stärksten den Einfluß des Idealismus zeigt, ist er gerecht geworden, als er zwei statt­liche Bände seiner Verwaltungslehre der Verwaltung des Bildungswesens widmete (1868). Für die Zeit vor und nach 1848 besonders bezeichnend jedoch ist eine Idee, die wir als Steins Königsgedanken bezeichnen möchten. In der Beschreibung seines Lebens, die er der Bewerbung um die Wiener Professur beilegte, hat er am klarsten und am deutlichsten seine Überzeugung zum Ausdruck gebracht, ,,daß es keine absolute Staatsverfassung geben kann, sondern daß jede Verfassung ihre Wahrheit nicht in irgendeinem abstrakten Prinzip, sondern in den gegebenen Verhältnissen der Gesellschaft zu suchen hat, so daß jede Ordnung der Gesellschaft die ihr entsprechende Verfassung erzeugt“ 1). x) Vgl. Lebenslauf Steins beim Vortrage Thuns pag. 3. — Stein ist vor allem Soziologe gewesen. Er hat die große gesellschaftliche Umwandlung des Jahrhunderts das bedeutendste Ereignis seiner Zeit, den bisher ungeklärten Begriff der Gesellschaft den schwierigsten Begriff der ganzen Staatswissenschaft über­haupt genannt (vgl. Vogel, S. 184). Schwieriger zu beurteilen ist seine Stellung zur Philosophie. Uber deutsche und französische Ein­flüsse, Fichte und St. Simon (vgl. Vogel, S. 133) strebte er hinaus, ohne zu einem klaren Ziel zu kommen. Nitzschke unterscheidet eine hegelische (bis 1841), eine positivistische (bis 1851), eine romantisch-konser­vative Periode im Werke Steins (S. 9). Stein lebte an der großen Wende vom Idealismus zum Positivismus, von der Romantik zum Realis­mus, von einer vorwiegend geisteswissenschaftlichen zu einer vorwiegend naturwissenschaftlichen Richtung des Denkens. Er war nicht der gewaltige philosophische Geist, um aus diesen Widersprüchen eine philo­sophische Grundlage für seine Staatswissenschaft zu bauen. Er ist niemals Pessimist geworden wie Schopen­hauer und wie, im Grunde genommen, auch Marx — aber als einem unselbständigen philosophischen Denker blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten, „daß die positivistisch-naturwissenschaftliche Richtung ihren Höhepunkt erreichen und nach der anderen Seite Umschlägen werde“. (C. Schmitt, S. 644). Steins eigentliches Gebiet war nicht eine bestimmte Disziplin, sondern die Enzyklopädie der Staats­wissenschaften überhaupt. Inama hat ihn einen spekulativen und konstruktiven Denker mit einer scharf ausgeprägten Neigung zur Systematik genannt. Steins Denken war ideenreich, wohl auch genial, aber kaum systematisch und bestimmt nicht immer wohlgeordnet. Er hat versucht, einen großen Gegenstand auf verschiedenen Wegen und wohl auch mit unvollkommener Methode (?) zu behandeln. Er hat viele Wissens­gebiete tief und nachhaltig beeinflußt und ist öfter abgeschrieben als zitiert oder genannt worden. Er hat die Wissenschaften, mit denen er operierte, wohl kaum klar auseinandergehalten. Neue Wege einzuschlagen, darin lag seine eigentliche Stärke. Das geradezu gigantische Anschwellen aller Erkenntnisse in einer Zeit des überhandnehmenden Spezialistentums verlangte allerdings nicht bloß neue Gesichtspunkte, sondern vor allem strenge und gründliche saubere Methoden. Hier aber lag Steins Schwäche.

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