Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien
476 Novotny, Marx nennt ihn einen Realisten, der im weiten idealistischen Mantel einherschreitet. In der Tat hat Stein den Hegelischen Staatsbegriff mit seinem ganzen Anspruch auf Autorität, ja auf Prestige, nicht abgelehnt, sondern weitergebildet, ihn vielleicht als besonderen Faktor in einem wesentlich komplizierteren Prozeß zu begreifen und ihn in die neue Entwicklung einzuordnen gesucht. Doch hat man Hemmungen, Stein sowohl einen Alt- als auch einen Junghegelianer zu nennen. Sein Lehrgebäude beruht in irgendeinem Sinne auf der Konvergenz der Zeit vor und der Zeit nach 1848. In einem erweiterten Sinne hielt er an der Idee der Legitimität fest. Er versuchte sie zu retten und gegen die revolutionären Tendenzen von 1848 unangreifbar zu machen, indem er ihr einen umfassenderen und allgemeiner überzeugenden Inhalt gab. Ausweg und Lösung der Dialektik des Klassenkampfes ist für ihn das soziale Königtum. Man kann es verstehen, wie ihn diese Haltung den österreichischen Staatsmännern nach 1848 empfehlen mußte x). Dies alles war Vorbereitung und Auftakt für sein eigentliches Lebens werk, das er dann in Wien vollendet hat. Steins Festhalten an dem Rangvorrecht des Staates vor der Gesellschaft, zugleich aber die Einsicht in seine Abhängigkeit von der Dynamik ihrer Bewegung, ferner seine Überzeugung von der erhöhten Wichtigkeit der Verwaltung vor der Verfassung führten ihn konsequent zur Lehre vom Primat der inneren vor der äußeren Politik. Die Bekanntschaft mit dem französischen Positivismus und Sozialismus in Praxis und Lehre — man kann Stein auch als Schüler St. Simons betrachten —■ hatte seine Aufmerksamkeit auf die Fragen der Gesellschaft und von da — nicht umgekehrt — auf die Volkswirtschaft gelenkt. Geistige und materielle Faktoren schienen ihm das Wesen der Gesellschaft zu bestimmen, Besitz und Bildung betrachtete er als ihre Grundelemente. Gesellschaft, Volkswirtschaft, Finanzwissenschaft und Verwaltung sind in Wien die bevorzugten Themen seiner Vorlesungen und seiner Werke geworden. Wenn er daneben auch Dutzende von Einzelfragen behandelt hat, sein Programm nach 1855 bedeutete immer noch eine Einschränkung gegenüber den Plänen seiner Jugend. Das Gebäude ist das gleiche geblieben, aber Stein hatte dessen Teile und ihr Verhältnis zueinander verändert, Flügel abgerissen und, was übrig blieb, bis zur Vollendung ausgestaltet. Seine Jugend hatte ein noch größeres Vielerlei versprochen, das Erlebnis der Revolution jedoch allmählich eine Beschränkung herbeigeführt, die bereits 1852 vollzogen war. Die Frage, ob man Steins ferneres Lebenswerk schon bei seiner Berufung nach Wien 1855 deutlich erkennen konnte, ist unbedingt zu bejahen. Seine Wandlung am Anfang der fünfziger Jahre wurde durch die Berufung nach Wien abgeschlossen, nicht etwa erst hervorgerufen * 2). konservativen Sozialisten nennen, wobei der Ton vor 1848 auf den Sozialisten, nach 1848 auf konservativ zu legen ist. b Der Bericht (oder das Gutachten) des Professorenkollegiums der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät vom 22. Jänner 1855 spricht Stein auch für seine mehr publizistisch gehaltenen Schriften die wissenschaftliche Anerkennung aus. Dieses Urteil und nicht etwa die Empfehlung des Handelsministers Bruck, die gelegentlich behauptet wird, war die Grundlage der Ernennung, die Leo Thun Kaiser Franz Joseph vorgeschlagen hat (vgl. Grünfeld S. 5 und von ihm abhängig Salomon S. IX; über das Verhältnis Steins zu Marx auch Salomon S. XXXII ff.). 2) 1852 erschien der erste Band von Steins „System der Staatswissenschaft“, von Burmeister (S. 31) „Steins reifstes Werk“ genannt, der nach einer philosophischen Einleitung vorwiegend nationalökonomische Fragen behandelt. Hier lenkte er eindeutig in gegenrevolutionäre Bahnen ein. Doch hat er sich nicht dem Kapitalismus verschrieben, er übte in der Abhandlung über den „Begriff des Freihandels“ Kritik an A. Smith, betonte neben der Freiheit die Notwendigkeit der Ordnung und forderte ein deutsches Handelsparlament. In seinen „Ideen zur Geschichte der Arbeit“ führt er aus: „Die Arbeit will durch die Staatsgewalt die organisch und gesetzmäßig anerkannte Despotie über das Kapital.“ Das war eine deutliche Spitze gegen die Diktatur des Proletariats. Völlig auf den Bahnen des Feudalismus wandelte er im „Wesen des arbeitslosen Einkommens“. Alle diese Schriften zeigen das Bild eines geistig hochstehenden Konservativen, der das revolutionäre Gedankengut fast völlig abgestreift hat. Das System der Staatswissen3chaft, im Verein mit einigen vorher erschienenen Schriften ist Beweis genug, daß sich Steins Wandlung zum Konservativen in der Hauptsache vor seiner Berufung nach Wien vollzogen hat. Gedacht war es als erstes Kapitel zu einer „Enzyklopädie der Staatswissenschaften“, über die Stein in Wien seit 1856 fa3t alljährlich ein Kolleg abhielt.