Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 76. Karl Feiler (Wien): Karl Ritter von Ghega. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Semmeringbahn

466 Feiler, Stände“ hergestellte Anlage über den Paß erwies sich für völlig unzulänglich (1728). Hatte doch die schwere Fracht auf dieser zu steil geführten Straße (bis 167 vom Tausend) schon von Gloggnitz her Vorspann nötig, von Schottwien sogar doppelte, drei- oder vierfache, weshalb oftmals an einem Tage nicht weniger als 200 Vorspannpferde in Schottwien allein bereitgehalten werden mußten. Einen regelrechten Verkehrsweg stellte erst die mit Kehren und mäßigen Steigungen erbaute Kunststraße dar, gerade rechtzeitig eröffnet (17. August 1841), um der kurz darauf im Norden und Süden bis zur Paßnähe vorgedrungenen Dampf­eisenbahn ein volles Jahrzehnt hindurch Bindeglied zu sein. Die Staatsverwaltung war sich der besonderen Schwierigkeiten wohl bewußt, die der Anlage gerade des Triester Schienenweges von Natur aus entgegenstanden. Trotzdem schreckte sie von einer sofortigen Durchführung der ungeheuren Aufgabe keineswegs zurück, getragen von dem stolzen Bewußtsein, über „hinreichend hervorragende und erfahrene Ingenieure“ zu verfügen, welche die ausländischen Eisenbahnen Europas aus unmittelbarem Augenschein kannten. Um aber auch über das nordamerikanische Eisenbahnwesen Aufschluß zu erhalten, hielt es die Staatsverwaltung für unerläßlich, dieses durch Fachleute vorher besichtigen zu lassen. Von ausschlaggebender Bedeutung erwies es sich nun, daß der zum Generaldirektor für die Staatseisenbahnen ernannte Hof baurat Hermenegild Francesconi als den zur Amerikareise Berufendsten Ghega namhaft machte und Kübeck den Vorschlag beim Kaiser durchsetzte. Francesconi wählte aber Ghega deshalb, da er dessen vortreffliche Geistesgaben und umfassendes technisches Wissen aus gemeinsamer Arbeit beim Bau der Kaiser-Ferdinands- Nordbahn genügend kennen und schätzen gelernt hat. Laut Geburtenbuch am 10. Jänner 1802 in Venedig geboren, widmete sich Ghega den mathematischen und Bauwissenschaften so hingebungsvoll, daß er bereits in frühestem Jünglingsalter das Diplom eines „Ingenieur-Licentiaten“ (1818) und das Doktorat der Mathematik (1819) erwarb. Bei der venetianischen Landesbaudirektion (1817 bis 1836) und als „Baudirectionsadjunct für Tyrol und Vorarlberg“ (1840 bis 1842) hatte Ghega durch vorbildliche Herstellung bedeutender Wasserschutz- und Brückenbauten, vor allem aber durch die mustergültige Planung der schwierigen Alpenstraßen im Ampezzo-, Sugana- und oberen Inntale die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und in der Würde eines „Bevoll­mächtigten Oberingenieurs der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn“ (1836 bis 1840) auch vielseitige Kenntnisse im Eisenbahnwesen erlangt, alseram 17.Aprill842 amerikanischen Boden betrat. In Nordamerika — die durch Eisberge gefährdete Seefahrt legte er auf einem der ersten Baddampfer, dem 39 Meter langen „Great Western“, in lötägiger Fahrt zurück x) — konnte Ghega bereits Anzeichen für eine sich anbahnende Abkehr von den englischen Denkgewohn­J) Hierüber berichtet anschaulich ein aus New York an den Hofkammerpräsidenten gerichteter Brief Ghegas, der nachstehend auszugsweise wiedergegeben ist: „Euer Exzellenz! Ich beeile mich Euer Exzellenz die pflichtschuldigste Anzeige zu erstatten, daß wir nach einer Fahrt von 15 Tagen und 2 Stunden erst am 17ten d. M. um 3 Uhr Nachmittag hier einliefen. Gänzlich gefahrlos war die Seefahrt über den Atlantisch-Ocean nicht; denn wir gerithen am 12ten d. M. zwischen den Eisbergen von New Foundland, zwischen jenen Eis-Massen, unter welchen wahrscheinlich der „Präsident“ (ein Schwesterschiff der Great Western) sein Grab fand. Wir wichen sie mit Hilfe Gottes und durch die umsichtsvolle Wachsamkeit unseres Schiffs Capitains glücklich aus. Diese Eisklötzen kommen nicht von New Foundland, sondern sie bilden sich in der viel nördlicheren Hudson Baye imd werden dann durch die Strömung des atlantischen Oceans, welche die Richtung von Nord gegen Süd nimmt, in die Gewässer von New Foundland hergeschwemmt. Hier werden diese Eismassen durch die Bank von New Foundland, einer Seeuntiefe, wo die Strömung des Ocean viel schwächer ist, aufgehalten, von wo als dann sie allmählig gegen Süd hinziehn und die Fahrstraße der Dampfschiffe durchschneiden und insbesondere in der Nachtzeit gefährlich machen. Diese gefährliche Stelle so wie überhaupt die vom Schiffe über den atlantischen Ocean verfolgte Richtung habe ich während der Seefahrt in einer See Carte eingetragen. Diese sowie die Zeichnung eines von mir nachdem Augenmaße aufgenommenen

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