Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus
Joseph von Spergs und der Josephinismus. 411 des Kaisers ab — sondern weil er wie Martini eine Verschärfung der ganzen Situation befürchtete. Er scheute den offenen Konflikt. Das schroffe Vorgehen von Kaunitz gegen den Nuntius mißbilligte er entschieden. Kaunitz stand mit seinen Sympathien im josephini- schen Kirchensturm eindeutig auf Seiten der radikalen Reformer 4). Bei den Verhandlungen zwischen Kaiser und Papst während des Papstbesuches war Kaunitz die Seele des Widerstandes. Seine Unnachgiebigkeit stärkte auch dem Kaiser den Nacken * 2). Spergs verwahrt sich nun seinem Bruder gegenüber, daß er etwa das Antwortschreiben von Kaunitz konzipiert habe, wie er für den Staatskanzler so viele andere Schriftstücke entworfen hatte. Bemerkenswert ist dabei, daß er Wert darauf legte, daß dies öffentlich bekannt werde, daß er sich also ganz eindeutig in dieser Frage gegen seinen Protektor stellte. „Der Pabst hat sich in einem Schreiben an den Kaiser, vermuthlich nicht im Ernst, erboten, selbst hieher zu kommen, und mit demselben mündlich, os ad os loquendo, die an beständigen Convulsionen kranke geistliche Gegenstände zu berichtigen. Dieses macht hier viel Reden. So wird auch eine Antwort des Fürsten Kaunitz an den Nuntius, wovon Abschriften allen Landesgubernien mit- zutheilen befohlen worden, großes Aufsehen verursachen. Selbige ist von dem Minister selbst ohne daß ich dabey was zu thun oder mitzuwirken gehabt hätte, aufgesetzt worden: welches Herr Bruder denjenigen frey sagen kann, die etwa mich desfalls in Verdacht ziehen mögten, weil ich sonst mit der Expedition nach Rom beladen bin 3 4 5 6 7 8).“ Während des Papstbesuches selbst (20. März bis 22. April 1782) gibt er seinen Befürchtungen Ausdruck. „Für den heiligen Vater Pabst kann ich keinen gedeilichen Ausgang seiner Vorstellung und Unterhandlung bey dem Kaiser versprechen; ich fürchte widrige Folgen. Gott gebe das Beste; ihm sey alles empfohlen4).“ Für ein Mitglied des Kreises der „Großen in Wien“ mit seiner antikurialen Haltung ist folgende Äußerung bedeutsam: „Ich habe derűseiben meine Aufwartung alhier nicht gemacht: die kritischen Umstände und vernünftige Politische Bewegursachen haben es mir nicht erlaubt, so sehr es auch mein Wunsch gewesen ist. Herr Bruder wird nun anstatt meiner diese Ehre haben 5).“ Der antikuriale Affekt ist also gänzlich geschwunden. Keine Spur von Freude und Befriedigung über den geringen Erfolg des Papstes ist zu spüren, darin unterscheidet er sich von den eigentlichen Josephinern wie Rautenstrauch. Ihm bleibt nur die Freude, daß er wenigstens nicht gegen seine Überzeugung zur Verteidigung der Regierungspolitik als Ressortbeamter tätig sein mußte. „Mit seiner Verrichtung allhier hat der Pabst nicht Ursache, zufrieden zu seyn: da er mit dem Kaiser selbst ohnmittelbar gehandelt und eben also von Sner Majestät gerade seinen Bescheid erhalten hat, ist mir das Glück zu Theile geworden, nichts dabey zu thun gehabt zu haben 6).“ Die Tragik des theresianischen Reformkatholizismus. An Spergs zeigt sich die Tragik des theresianischen Reformkatholizismus, der eine Synthese versuchte zwischen katholischer Tradition und den Ideen der Zeit. Um eine solche Synthese rang man auch in den Klöstern, etwa in Kremsmünster 7), wo man auch zu Zeiten des stärksten Eindringens aufklärerischer Ideen sich nicht gegen die übernatürliche Ordnung und die Autoritätsgebundenheit der Kirche wandte 8). q Novotny, a. a. O., S. 158 ff. 2) Novotny, a. a. O., S. 169. 3) Br. Wilten, f. 146 f., Nr. XXXVII, 2. Jänner 1782. 4) Br. Wilten, f. 154, Nr. XXXIX, 10. April 1782. 5) Br. Wilten, f. 157, Nr. XXXX, 24. April 1782; er spielt dabei auf den Papstbesuch zu Innsbruck auf der Rückreise an, siehe Schiitter, a. a. O., T. 2, S. 22, 123. 6) Br. Laicharding Vater, Nr. 40, 17. April 1782. 7) Vgl. dazu Sturmberger, Studien zur Geschichte der Aufklärung des 18. Jahrhunderts in Kremsmünster. MIÖG., Bd. 53, 1939, S. 423 ff. 8) Sturmberger, a. a. O., S. 429.