Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus

412 Lentze, Joseph von Spergs und der Josephinismus. Unter Joseph II. nahm dann die Kirchenreform ein radikaleres Tempo an, bei dem die spezifischen Anhänger des theresianischen Reformkatholizismus nicht mehr folgen konnten. Dem josephinischen Reformkatholizismus erscheint der theresianische als überholt, so daß er ihn der barocken Reaktion gleichsetzt1). So sehr der theresianische Reformkatholi­zismus dem josephinischen vorgearbeitet hatte, jetzt hatte er seine Rolle ausgespielt. So namhafte Vertreter des theresianischen Reformkatholizismus wie der Prager Professor Karl Heinrich Seibt (1735 bis 1806) 2) konnten mit dem scharfen Tempo der Kirchenpolitik unter Joseph II. nicht mehr mitmachen. Auch der dem Seibtkreis angehörige Oberstburggraf in Prag, Fürst Fürstenberg, konnte sich mit der josephinischen Toleranz nicht befreunden, wie sich überhaupt in der Toleranzfrage der theresianische vom josephinischen Reform­katholizismus schied 3). Auch vor den Stiften, die doch vielfach Vorkämpfer des theresianischen Reform­katholizismus gewesen waren, machte der neue Kurs nicht halt. Das wird besonders deutlich am Schicksal des Augustiner-Chorherrnstiftes St. Dorothea in Wien, das doch unter Prälat Ignaz Müller die Zentrale des theresianischen Reformkatholizismus gewesen war. Nur wenige Monate nach dem Tode des Propstes Ignaz Müller (31. August 1782) verfiel dieses der Aufhebung 4). Spergs steht also mit seiner geistigen Haltung nicht allein. Ein großer Teil der hohen Beamtenschaft der theresianischen Ara dachte wie er. Darin liegt gerade der Wert seiner Briefe, daß sie uns einen Einblick in die Gesinnung dieser Kreise gewähren. Trotz alledem kann man Spergs als Josephiner bezeichnen, wenn man mit Valjavec 5) die josephinischen Bestrebungen bereits unter Maria Theresia beginnen läßt und dem Kreise der „Großen in Wien“ dabei eine führende Rolle zuschreibt. x) Winter, a. a. O., S. 233. 2) Winter, a. a. O., S. 85 ff. 3) Winter, a. a. O., S. 232. 4) Wintermayr, a. a. O., S. 76 ff. 5) A. a. O., S. 13ff.; Derselbe, Der Josefinismus als politische und weltanschauliche Strömung, Stufen und Wandlungen der deutschen Einheit, hrsg. von v. Raumer und Schieder, Stuttgart-Berlin o. J. (1943), S. 115; Maass, Der Josephinismus, S. 94.

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