Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus

Joseph von Spergs und der Josephinismus. 399 In Wien fand er Anschluß an den Kreis der „Großen in Wien“ 1), die den theresianischen Reformkatholizismus begründet und durchgesetzt haben. Er gehörte zu den eifrigsten Besuchern 2) der Sonntagabende bei Propst Ignaz Müller von St. Dorothea, wo man die neuesten Ereignisse auf dem Gebiete der Kirchenreform besprach 3). Mit Fürst Kaunitz verband Spergs das Interesse für die Kunst, er wurde die rechte Hand des Fürsten in allen künstlerischen Belangen. Er gehörte zu den Männern, die ab und zu sein Bekanntwerden mit einzelnen Geistesgrößen vermittelten, und ihm, dem Gönner und Mäzen, entsprechende Vorschläge unterbreiteten 4). Kaunitz bediente sich auch der Mithilfe von Spergs bei der Reorganisation der Wiener Kunstakademie. Zunächst wurde er Rat der Wiener Kunstakademie, 1783 wurde er dann Ratspräses der Akademie. Die Erlässe des Protektors der Akademie, des Fürsten Kaunitz, sind in der Regel von Spergs konzipiert worden 5). Jetzt konnte er sich im großen Stil als Mäzen der Kunst bestätigen. In den achtziger Jahren hielt er an den Freitagen jeder Woche eine Abendgesellschaft für Künstler und Kunstfreunde, in der im wesentlichen von der Kunst und von ästhetischen Fragen die Rede war 6). Die historischen Interessen traten jetzt zurück. Auch in der Regierungszeit Josephs II. blieb Spergs im Amte, obwohl er dessen System ablehnend gegenüberstand. Er gehörte also zu den wenigen hohen Beamten aus der Zeit Maria Theresias, die unter Joseph II. ihre Position halten konnten 7). Während einer schweren Krankheit im Jahre 1784 zeigte sich das Wohlwollen des Kaisers darin, daß er sich ebenso wie Fürst Kaunitz täglich über das Befinden von Spergs Bericht erstatten ließ 8). Er überlebte noch die Ära Josephs II., der neue Kurs Leopolds II. mußte ihm mehr Zusagen als der Radikalismus seines Vorgängers. Doch starb er bereits am 26. Oktober 1791 in Wien an einem Schlagfluß, tief betrauert von seinen zahlreichen Freunden 9). Zwei Tage lang wagte man es nicht, Kaunitz den Tod zu melden, so sehr hing dieser an seinem treuen Diener10). Spergs’ religiöse und politische Anschauungen. Spergs ist eine der markantesten Gestalten des theresianischen Reformkatholizismus, den Winter n) so treffend geschildert hat. Wittola 12) hat ihn in seinem Nachruf als Reform- katholiken und Mitarbeiter gefeiert: ,,Er war ein Schützer aller guten Geistlichen, die einen Sinn für die Kirchenreform hatten. Er ehrte die Predigerkritiker, die Wiener Kirchen­zeitung und unsere Beyträge mit seinem Beifalle, und die meisten in beyden letzteren periodischen Schriften vorkommenden Nachrichten und Urkunden aus Italien haben die Leser ihm zu verdanken“ 13). Wittola stand mit Spergs auch im gesellschaftlichen Verkehr, denn dieser erwähnt es einmal, daß Wittola bei ihm zu Mittag gespeist habe 14). *) *) Über diese siehe Winter, a. a. O., S. 32 ff. 2) Wittola, a. a. O., S. 842; Deinhardt, Der Jansenismus in den deutschen Landen. Münchener Studien zur historischen Theologie, hrsg. von G. Pfeilschifter, Bd. VIII, S. 82; Wintermayr, a. a. O., S. 68. 3) Vgl. über diese Winter, a. a. O., S. 47 f.; Wintermayr, a. a. O., S. 63. 4) Novotny, a. a. O., S. 115 ff.; Lützow, Geschichte der k. k. Akademie der bildenden Künste. Wien 1877, S. 58; Arneth, Geschichte Maria Theresias. Bd. IX, Wien 1879, S. 281 und 333. 5) Lützow, a. a. O., S. 58. 6) Dipauli, a. a. O., S. 29. 7) Vgl. dazu Mitrofanov, a. a. O., S. 285. 8) Dipauli, a. a. O., S. 26; Cremes, a. a. O., S. XII. 9) Dipauli, a. a. O., S. 29. 10) Dipauli, a. a. O., S. 30. u) A. a. O., S. 16 ff. 12) Eine kurze Biographie mit Literaturangaben gibt Posch, Die kirchliche Aufklärung in Graz und an der Grazer Hochschule, Graz 1937, S. 20; Wurzbach, a. a. O., Bd. 57, S. 176 ff.; Winter, a. a. O., S. 178; Brunner Sebastian, Die theologische Dienerschaft am Hofe Josephs II. Wien 1868, S. 394 ff. 13) A. a. O., S. 843. 14) Br. Wüten, f. 47, Nr. XII, 12. Mai 1779.

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