Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus

400 Lentze, Er schreibt ihm sogar einen Anteil an der Aufhebung des Jesuitenordens zu 1), da er der Kaiserin Maria Theresia in den entscheidenden Schicksalstagen des Jahres 1773 Material über die Staatsgefährlichkeit der Jesuiten mitgeteilt und damit zu ihrer nach etlichen Wochen gegebenen Einwilligung zur Aufhebung des Ordens mitgewirkt habe. Duhr 2), dem dieser Aufsatz Wittolas entgangen ist, erwähnt Spergs nicht, doch besteht die Möglichkeit, daß Wittola Informationen von Spergs selbst erhalten hat. Spergs widmet der Gesellschaft Jesu folgenden sarkastischen Nachruf: „Euer Wohlgeborn nachdenkliches Epiphonema des Schreibens: Hodie mihi, eras tibi, mag wohl einmal wahr werden. Hier wurde neulich dieses Sprüchwort bey einer Pasquinade angebracht, in welcher auf der einen Seite ein Exjesuit, und auf der andern ein hier so genanntes Bierhäuselmensch unter dem Namen Exkellnerin sich vorstellten: ihr Schicksal ist gleich, nachdem alle dergleichen Menscher auf Befehl des Hofes aus den hiesigen Wein- 'und Bierschenken sind abgeschafft worden“ 3). Spergs hatte als Referent hervorragenden Anteil an der Kirchenpolitik des there- sianischen Staates in der Lombardei 4), wo man die staatliche Kirchenhoheit kräftig geltend machte und einschneidende kirchenpolitische Reformen durchführte 5). Es wäre eine dank­bare Aufgabe, Spergs’ Mitwirkung an diesen Reformen ebenso wie seine Wirksamkeit als Verwaltungsbeamter auf anderen Gebieten, z. B. dem des Unterrichtswesens 6) an Hand der Akten darzustellen. Der Kreis der „Großen in Wien“, dem Spergs angehörte, war jansenistisch gerichtet 7). Dabei fühlten sich diese Jansenisten als strenggläubige Katholiken, sie erkannten auch den Primat des Papstes an, traten aber gleichzeitig scharf oppositionell der römischen Kurie und ihrem Einflüsse entgegen. Das jansenistische Kirchenrecht forderte eine radikale Reform der Kirchen Verfassung, um der Kirchenfreiheit der alten Kirche (église primitive) gegenüber der Stellung des Papstes im geltenden Kirchenrecht der damaligen Zeit zum Siege zu verhelfen. Jansenistische Tendenzen sind es, die der weltlichen Gewalt das Recht und die Pflicht zusprachen, die kirchlichen Verhältnisse einschließlich der kirchlichen Disziplin zu reformieren. Dabei betonten die Anhänger jansenistischer Tendenzen stets ihre Orthodoxie und Frömmigkeit, wie sie auch stets die Bezeichnung Jansenisten zurück­wiesen 8). Das war insofern richtig, als nicht alle die dogmatischen Anschauungen des strengen Jansenismus teilten, der Jansenismus war zu einem Reformkatholizismus geworden. Schon längst hat man erkannt, daß die Reformkatholiken der damaligen Zeit mit ihren q A. a. O., S. 841 f. 2) Die Kaiserin Maria Theresia und die Aufhebung der Gesellschaft Jesu. Stimmen der Zeit, Bd. 110, 1926, S. 207 ff. 3) Br. Laicharding Vater, Nr. 28, 12. Februar 1775. 4) Vgl. dazu Veit, Die Kirche im Zeitalter des Individualismus. Kirchengeschichte, hrsg. von J. P. Kirsch, Bd. IV/l, Freiburg 1931, S. 152 ff.; Galante, II diritto di placitazione e l’economato dei benefici vacanti in Lombardia, Mailand 1894; Arneth, a. a. O., S. 1 ff.; Mitrofanov, a. a. O., S. 666 ff.; D aselbst, S. 672, Anm. 5, ausführliche Literaturangaben; Schiitter, Die Reise des Papstes Pius VI. nach Wien und sein Aufenthalt daselbst. Fontes rerum Austriacarum, II. Abt., Bd. 47, Wien 1892/4, T. 2, S. 28 ff.; Maass, Der Josephinismus, Fontes rerum Austriacarum, II. Abt., Bd. 71, S. 33 ff, S. 47 ff; Derselbe, Vorbereitung und Anfänge des Josefinismus, Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Bd. I, 1948, S. 298 ff. 5) Über Spergs Anteil an diesen Reformen siehe Wittola, a. a. O., S. 839 ff.; Dipauli, a. a. O., S. 28; Maass, Der Josephinismus, S. 71, 79 f, 82, 94 f, 96, Aktenstücke Nr. 123, 130, 132, 151; Derselbe, Vor­bereitung, S. 294, 298, 300, 301, 316. ®) Vgl. dazu Dipauli, a. a. O., S. 24 ff. 7) Winter, a. a. O., S. 32 ff.; Derselbe, Josef II., Der Bindenschild. Darstellungen aus dem Kultur- und Geistesleben Österreichs, H. 3, Wien 1946, S. 23 ff.; Derselbe, Der Jansenismus in Böhmen und Mähren und seine Bedeutung für die geistige Entwicklung in Österreich-Ungarn. Südostdeutsche Forschungen, Bd. VTI, 1942, S. 435 ff.; Deinhardt, a. a. O., S. 82 ff.; Wintermayr, a. a. O., S. 53 ff.; Valjavec, Der Josephinismus, 2. Aufl; Wien 1945, S. 14, 52 f. 8) Wintermayr, a. a. O., S. 59 f.

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