Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683
356 Sturminger, Begünstigungen für sich erwirken konnte und in Wien blieb. Seine Verdienste während der Türkenbelagerung, d. h. sein einmaliger Boten weg ging allein in die Geschichte und in die Geschichten ein, wenn er auch nicht der einzige war, der dies Wagnis unternahm. Wie immer es auch sein mag, Kolschitzky hat für sich ausgiebig Reklame gemacht, die beiden Berichte über seine Botenfahrt „Das heldenmüthige wiewohl gefährliche Unterfangen“ *) und die „Wahrhafte Erzehlung welcher gestalt“ * 2) usw. erschienen mit dem Bildnisse Kolschitzkys nicht nur in Wien und Salzburg, sondern wurden auch in Ulm, Nürnberg und Straßburg nachgedruckt sowie in die deutschsprachigen, italienischen, französischen, englischen und spanischen gleichzeitigen Relationen aufgenommen. Darin findet sich in der Anrede an den „Geneigten Leser“ folgendes Gedicht: „Ich nähme meinen Weg durch unbewohnte Felder, Durch Weingebürg und Tal, auch durch die dunklen Wälder, Es sehe sich wohl für, der mir will folgen nach, Und büde sich nicht ein, es sei ein schlechte Sach: Ich wünsche jedem Glück, dass ihm wie mir, gelinge, Damit sein rühmliches Thun, auch bei der Nachwelt klinge, Ich lebe schon vergnügt, mir bleibt zum Überrest Noch endlich diese Ehr: Ich bin der erst gewest.“ Man sieht, Kolschitzky ist sehr bemüht gewesen, seine nicht ganz sichere Position zu untermauern, bevor noch andere gefährliche Konkurrenten auftauchen konnten. Bald nach dem Entsätze Wiens reichte Kolschitzky auf Grund seiner Verdienste um die Würde eines kaiserlichen Dolmetschers für die türkische Sprache oder, wie man sich damals ausdrückte, eines „kaiserlichen türkischen Hofkuriers“ ein. Er erhielt sie auch am 10. Jänner 1684 durch die Hofkriegsratskanzlei, der die orientalischen Angelegenheiten unterstanden, zugesprochen und unterzeichnet sich auch seither als „Kaiserlich türkischer Hofkurier“ 3). Aber nicht nur in ideeller, sondern auch besonders in materieller Hinsicht hat Kolschitzky für sich gesorgt. Am 11. März 1684 machte Kolschitzky an den Wiener Stadtrat eine Eingabe mit der Bitte um eine größere Belohnung seiner Verdienste, wobei er sich unter anderem auch auf Versprechungen des gegen Ende der Belagerung verstorbenen Bürgermeisters Liebenberg berief. Insbesondere verlangte Kolschitzky die Schenkung eines Hauses in der Leopoldstadt und die Gewährung eines Gewerbes. Er gibt in dem Gesuche der Hoffnung Ausdruck, der Wiener Stadtrat möge sich ihm gegenüber nicht weniger glorios erzeigen, als die Römer gegen ihren Curtium, die Lacaedemonier gegen ihren Pompilium, die Athenensier gegen ihren Seneca. Er unterzeichnet seine Eingabe mit „Georg Franz Kolschitzky, erster Kundschafter der Statt Wienn in ihrer grosten betranknus“. Nach langem Feilschen — Kolschitzky wollte immerzu ein größeres Haus herausschinden — gab er sich mit der Prandstatt Nr. 30, Schleifferisches Haus benannt, im ehemaligen Judengezürck im Unteren Werd, heute Leopoldstadt, Haidgasse 8, zufrieden. Die Erwerbung dieses Hauses, das auf 400 Gulden geschätzt wurde, war mit der vorherigen Verleihung des Bürgerrechtes an Kolschitzky verbunden. Mit Entschließung des Stadtrates wurde nunmehr am 27. November 1684 das Haus als Geschenk aber ohne bürgerliches Gewerbe Kolschitzky zugewiesen. Aber selbst damit war er nicht zufrieden. Er machte am 25. August 1685 wieder ein Gesuch um Streichung aller auf dem Hause lastenden Gebühren und Grundbuchstaxen. Am 11. September 1685 wurde es endlich auf seinen Namen und den seiner Gattin Maria Ursula dem Grundbuche einverleibt. Bemerkt sei, daß dieses Haus im Jahre 1632 dem Juden Israel Liebermann und vor der zweiten Juden*) Das Heldenmüthige . .. Unterfangen. *) (Lerch Johann Martin), Wahrhafte Erzehlung / welcher gestalt ... Georg Frantz Kolschitzky ... Wien, Salzburg, Strassburg 1683. 3) Hofkriegskanzlei, Bd. 368, pag. 8; Peez, Kolschitzkys Romfahrt, S. 24; Kolschitzky, S. 77.