Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683
Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683. 357 Vertreibung 1670 dem Juden Cöpel Rist gehört hat. Es wurde wie die anderen Häuser des ehemaligen Ghettos von der Stadt Wien übernommen und im Jahre 1675 an Karl Astan Schleiffer verkauft. Da dieser aber den bedungenen Kaufpreis nicht erlegen konnte, wurde es ihm nicht einverleibt und fiel wieder an die Stadt zurück. Kolschitzky, dem es anscheinend nur um die Erlangung des Bürgerrechtes und den Wert des Grundstückes zu tun war, verkaufte dieses bereits am 2. März 1686 an Claudius Schentz x). Interessant und wenig bekannt ist auch folgende Episode aus dem Leben Kolschitzkys. Als ihm im November 1684 das Haus in der Leopoldstadt schon zugesprochen war, kamen seinen Mitbürgern anscheinend doch Bedenken wegen seiner Abstammung und seines Religionsbekenntnisses, denn der wendige und schlaue Kolschitzky unternahm plötzlich eine Wallfahrt nach Rom und Maria Loretto. Diese Kenntnis verdanken wir dem Rechtshistoriker Dr. Arnold v. Luschin-Ebengreuth, der in Graz einen diesbezüglichen Akt aufgefunden hat. Das im steirischen Landesarchive verwahrte Inner österreichische Hofkammerarchiv enthält eine am 21. Dezember 1684 präsentierte Eingabe Kolschitzkys, worin er unter Berufung auf seine sattsam bekannten Verdienste während der Belagerung Wiens erklärt, er habe während seines Ganges durch das türkische Lager in höchster Not und Gefahr ,,auf die würdigiste Mutter Gottes in dissen allenthalben gefährlichen Werkh sein allerunthanigiste Zuflucht genomben, und ein Khürchfarth nacher Maria Loreto foglich nacher Rom dem Allerhöchsten zu Ehren allerdiemitigist verlobet“. Weil er aber zu einer solchen langwierigen Reise nicht das nötige Geld habe, so bitte er die Innerösterreichische Hofkammer in Graz, ihn mit einer „Ritter Zehrung und Gnadenauswurff“ zu bedenken. Tatsächlich wurde der Hofpfennigmeister schon an dem gleichen Tage angewiesen, Kolschitzky „von dem es weltkundig seye mit was herzhaften Muth aus Lieb der werten Christenheit und Wohlfahrt der belegerten Stadt Wien durch das türkische Lager habe schicken lassen eine Reißzehrung von 12 Talern, d. i. 18 Gulden auszuzahlen.“ Über den weiteren Verlauf der Wallfahrt und ob Kolschitzky nicht schon in Graz umgekehrt ist, ist nichts bekannt geworden * 2). Wie steht es nun mit der Legende, Kolschitzky habe sich die im türkischen Lager erbeuteten Kaffeesäcke, deren Inhalt den Wienern damals gänzlich unbekannt gewesen sei, als Belohnung für seine Dienste geben lassen und habe dann in Wien zum ersten Male Kaffee ausgeschänkt ? Gustav Gugitz weist in seinem vortrefflichen Buche: „Das Wiener Kaffeehaus“ 3) nach, daß bereits in der 40stündigen Gebetsordnung vom 3. Juli 1663 unter der Gruppe der „Greissler, Häringer, Oeler und Fütterer“ auch die „Kaffeer“ angeführt sind, woraus man schließen kann, daß zumindest 20 Jahre vor der Türkenbelagerung in Wien Kaffee gehandelt, wenn auch nicht ausgeschänkt wurde. Und tatsächlich kann man einem Akte im Reichsfinanzarchive entnehmen, daß schon am 6. Juli 1668 ein Raize aus Belgrad, namens Demetrius Domasy, neben anderen Waren auch 20 Pfund Kaffee aus Wien ausgeführt hat und deshalb in den Listen des kaiserlichen Waaghauses zu Wien eingetragen erscheint4). Der Ausschank des Kaffees in Wien selbst ist aber erst nach der Türkenbelagerung nachgewiesen. Einem von Gugitz im vorerwähnten Buche abgedruckten, seither beim Brande des Justizpalastes zugrunde gegangenen Aktenstücke des Staatsarchivs des Inneren von 1747 kann man folgendes entnehmen: „Da nach der türkischen Belagerung !) Camesina, Bedrängnis, S. XXXI—XXXIV. Weschel Leopold Matthias, Die Leopoldstadt bey Wien. Wien 1824, S. 279, Nr. 30. Schwarz Dr. Ing., Das Wiener Ghetto, seine Häuser und seine Bewohner. Wien 1909, S. 221, 249, Nr. 30. Rotter-Schmieger, Das Ghetto in der Wiener Leopoldstadt. Wien 1926, S. 77, Nr. 30. 2) Peez, Kolschitzkys Romfahrt, S. 24/25; Kolschitzky, S. 78—80. 3) Gugitz Gustav, Das Wiener Kaffeehaus. Ein Stück Kultur- und Lokalgeschichte. Wien 1940, S. 11; Codex austriacus ... Wien 1704, I, S. 395. 4) Reichsfinanzarchiv Ung. 25. September 1669. Peez, Kolschitzkys Romfahrt, S. 23; Kolschitzky, S. 76; Kolschitzky und der Kaffee in Wien, S. 272.