Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683
Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683. 355 gelegene Stadt Sambor eine Freistadt gewesen sei, dagegen sei die südungarische Stadt Sambor tatsächlich eine Freistadt gewesen und auffälligerweise sei Kolschitzky späterhin wiederholt in der Gesellschaft von Händlern aus Südungarn und Serbien gewesen. In den polnisch-türkischen Kriegen sei eine Menge von Polen durch die Tartaren aus ihrer Heimat geraubt und als Sklaven in die verschiedenen Teile der Türkei — zu der damals auch Südungarn gehörte — verkauft worden. Es wäre daher nicht ausgeschlossen und auch plausibel, daß Kolschitzky der Sohn eines polnischen Sklaven aus dem südungarischen Freistädtlein Sambor und einer raizischen oder serbischen Mutter gewesen sei. So würden sich leicht seine ihm nachgerühmten Kenntnisse der ungarischen Sprache und Sitten erklären lassen. Eine nähere Beziehung mit Polen konnte auch ich nicht feststellen, insbesondere nicht, daß er irgendwie nach dem Entsätze Wiens von Sobieski geehrt worden sei. Erst später haben die Polen Kolschitzky für sich reklamiert und in jüngster Zeit die Ukrainer als ihren Landsmann beansprucht. Dr. Ostap Hryzay behauptet in seiner 1933 erschienenen Schrift „Die Ukrainer und die Befreiung Wiens“ 1), Kolschitzky habe richtig „Kulczyzjky“ geheißen und stamme aus dem Dorfe Kulczytzi Schlachotski bei Sambor in Galizien, der heutigen Ukraine und sei seiner Nationalität nach Ukrainer gewesen. Seine angebliche Heimatgemeinde hat auch durch ihren Leseverein die Herausgabe des 1933 in ukrainischer Sprache und cyrillischer Schrift erschienenen Romans von Filipczak „Kolschitzky der Held von Wien“ 2) gefördert. Noch heute sollen dort viele Leute leben, die seinen ukrainischen Namen, einen typischen Herkunftsnamen, tragen. Mit Wien kam Kolschitzky in Fühlung durch seine Anstellung als Dolmetscher bei dem Belgrader Kontore der damals bestehenden Orientalischen Kompanie, einer unter dem Schutze Kaiser Leopolds I. stehenden Gesellschaft von Wiener Kaufleuten zur Pflege des Handels mit dem Oriente. Zur Ehre Kolschitzkys wollen wir aber hoffen, daß er nicht zu jenen „untrewen Bedienten“ d. h. „untreuen Bediensteten“ gehört hat, welche die Kompanie im Jahre 1673 entlassen mußte3). In den nun folgenden Jahren finden wir Kolschitzky als selbständigen Orientwarenhändler in der Leopoldstadt. In Wien hatten sich nämlich mehrere serbische Kaufleute — damals Raizen genannt — als Vermittler des Handels mit der Türkei niedergelassen. Die Bezeichnung „Raizen“, lateinisch „Rasciani“, ungarisch „Raszok“, kommt vom mittelalterlichen Landesnamen „Rascien“ für einen von griechisch-orientalischen Serben bewohnten Landstrich. Die raizischen Kaufleute schädigten aber die bodenständige Kaufmannschaft durch ihre Praktiken und kamen auch in den Verdacht der Spionage zugunsten der Türkei. Daher erging am 6. Juli 1678 ein Dekret der niederösterreichischen Regierung an den Stadtmagistrat von Wien, kraft dessen alle Raizen alsbald fortgeschafft werden sollten. Ein Auszug dieses Dekretes ist im Abschriftenbuche des Vorstandes der bürgerlichen Kaufleute Wiens, Namens Wenzel Nedorost, vorhanden, das im Archiv des Gremiums der Kaufmannschaft in Wien verwahrt wird4). Nur für einen Hofbefreiten namens Johann Diodato, auchTheodat genannt — auf den ich noch zurückkommen werde—, und für den Hofbefreiten Constantin Ciriac wird eine Ausnahme gemacht. Außerdem für den Orientwarenhändler Franz Georg Goldschütz „der ein Polakh sein wollte“. Wir sehen, wie der wendige Kolschitzky, der sich vordem anscheinend wegen seiner Handelstätigkeit als Raize ausgegeben haben dürfte, nun auf seine polnische Herkunft pochte, schon damals *) Hryzay Dr. Ostap, Die Ukrainer und die Befreiung Wiens 1683. O. O. (Wien 1933), S. 14 ff. 2) Filipcsak Ivan, Kulcickij geroj Vidnja. Istoricna povist’c XVII v Kulcici Slachotska, Sambir 1933 (in cyrillischer Schrift). 3) Peez, Kolschitzkys Romfahrt, S. 22; Kolschitzky, S. 74. 4) Archiv des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft „Protokoll der vorhandenen Originalien etc.“ (1500 bis 1727), Bd. 1/3 a, 1710. (Abschriftenbuch von Wenzel Nedorost, Vorstand der „Bruderschaft der Bürgerlichen Handelsleute in Wien“, siehe Anhang I.) Peez, siehe Fußnote 31. Engelmann Wilhelm, Zur Geschichte Kolschitzkys, im Monatsblatt des Altertumsvereines zu Wien XI/1916/8—9, S. 264.