Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683

354 Sturminger, wohl gesinnt war, sondern habe sich zum Diener eines armenischen Arztes gemacht, vielleicht gar selbst zum Armenier — einer Nation, die weniger wegen ihrer Treue in politischen und anderen Dingen als wegen ihrer Gewandtheit und skrupellosen Verwend­barkeit bei den Türken wohl angesehen war.“ Diese Hypothese Bermanns mag nur insofern der Wahrheit entsprechen, daß es sich nämlich einwandfrei um Seradly und nicht um Michaelowitz gehandelt hat. Denn im untrügerischen Rechnungstagebuch des Hofkammer­rates von Belchamps finden wir unter dem 4. September die Eintragung: ,,Eodem dato dem Herrn Stephan Seradly Brief zu der Armee zu tragen 120 Dukaten in specie ange­wiesen“ J). Also war dieser angebliche Diener eines armenischen Arztes unzweifelhaft der uns bekannte Stephan Seradly. Diesmal begehrte er schon, wie man sieht, eine 20%ige Gefahrenzulage, nämlich 120 Dukaten. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Von dem Mißgeschick seines letzten Boten soll Starhemberg durch den Diener des Baron Kunitz, der sich am 6. September neuerlich in die Stadt geschlichen hatte und erzählte, daß ein aus der Stadt entwichener Diener eines armenischen Arztes dem Großwesir die Mitteilung gemacht habe, daß die Stadt Wien sich nicht mehr lange halten könne, erfahren haben * 2). Nun waren die letzten Boten, die Starhemberg entsenden konnte, die Raketen, die zum Zeichen der höchsten Not von Zeit zu Zeit vom Stephansturme aufflammten. Noch einige Tage in Hangen und Bangen — endlich kam die Antwort vom Kahlenberge und am 12. September sahen die Wiener die ersten Reihen des Entsatzheeres von den Höhen des Wienerwaldes herabsteigen. Am Abend des gleichen Tages war Wien wieder frei. Über die Belohnung der Kundschafter finden wir auch zwei Eintragungen in der „Speci­fication des Geldes und der Wertsachen des Erzbischofs von Gran Szelepcsenyi“, welche Leopold Graf v. Kollonitz, Bischof zu Neustadt am 8. Februar 1684 abgefaßt hat: „Item seynd zwey Stückh tuech Scharlachfarb genohmen worden, welche denen Räzen und Soldaten, so Brief wehrenter Belegerung auss und eingetragen zu einer Recompens geben werden. Jenes tuech ist beyleiffig wert 124 fl.“ und unter den Ausgaben: „Ingleichen, die für das tuech weillen selbes denen Razen und Soldaten geben worden in empfang aussgeworffen 124 fl.“ 3). Überdies heißt es in der Kaiser Leopold vorgelegten, aus den Wochenausweisen zusammengestellten „Specification des Controllors Johann Michael Eineder, ddo. Linz 27. 3. 1684“: „Dreyen Rätzen welche von der Kays. Generalität zu 4 mahlen mit höchst nothwendiger Communication auss der Statt nach der Kays. Armata geschickht worden zur verdienten recompens in goldt zahlt 2760 fl.“ (= 920 Dukaten) 4). Was war nun das Schicksal des Kolschitzky und des Michaelowitz ? Wie war ihr Lebenslauf? Zuerst zum bekannteren Kolschitzky! Woher stammte er, war er Pole oder Raize ? Restlos geklärt ist seine Herkunft noch nicht. In den von ihm selbst inspirierten Broschüren über seinen einmaligen Botengang heißt es: „Von deme — nämlich Kolschitzky wisse zuförderst, dass er aus dem Königlichen Polnischen Freistadel Sambor gebürtig und in den Diensten der Orientalischen Kompagnia ehebevor für einen Dolmetscher habe gebrauchen lassen“ 5). Nun gibt es sowohl ein Sambor im ehemaligen Galizien als auch eines in Südungarn. Karl v. Peez erklärt nun in seinen vor etwa 30 Jahren erschienenen Aufsätzen über Kolschitzky 6), bisher sei nicht festzustellen gewesen, daß die in Galizien 1) Newald, II, S. 70, 121—126. 2) Kriegsjahr, S. 224; Camesina, S. 64; hingegen Newald, II, S. 125. 3) H. K. A. Ung. Hoffinanz 14634; Newald, II, S. 49, 51; Maurer, S. 162, 463, 465. 4) H. K. A. Ung. Hoffinanz, rot. Nr. 296, ddo. 27. März 1684; Newald, I, S. 234, II, S. 73/74. 5) Das Heldenmüthige . . . Unterfangen .... 6) Peez Carl v., Alte serbische Handelsbeziehungen zu Wien, in MIÖG. XXXVI. Bd., 3. Heft und Monatsblatt des Altertumsvereines zu Wien XI/1916/8—9, S. 264; Kolschitzky und der Kaffee in Wien, in: Monatsblätter des Altertumsvereines zu Wien XI/1916/10, S. 271—272; Kolschitzkys Romfahrt, in: Monatsblätter des Altertumsvereines in Wien XII/1917/3, S. 24; Kolschitzky, in: Alt-Wiener Kalender für das Jahr 1918. Wien 1918, S. 71—81.

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