Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels
Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels. 181 wurde von den Visitatoren aufgefordert: „Erstlich, daß die, so hatten suspectas personas solten infra quatuordecim dierum amovieren, zum anderen, daß sy sich vor den wirtsheusern und überflüssig schlafftrunkh sollten enthalten, zum dritten, daß ein jeder zu khirchen was er zu nacht und morgen schuldig sei, vleissig wollt verrichten, sub poena excommunicationis.“ Daraufhin erläßt das DK ein Dekret an den Domklerus, worin die Bestimmungen des Triden- tinums niedergelegt waren. Das sind die Dekrete über die Bestrafung der Konkubinarier 1). Auch wurde vom Domdekan ein Dekret an den gesamten Klerus der Stadt „capitulariter convocatum“ erlassen: Einmal im Monat zur hl. Beichte zu gehen, die Konkubinen zu entlassen und Gasthausbesuch zu meiden unter Androhung von Kerkerstrafe, Entzug der halben Präbende und Verlust des Benefiziums 2). Gemäß Dekret Sess. XXV, cap. 6 de ref., gestattete das DK den Bischöfen die Visitation auch künftighin. Die Strafen selbst aber verhängte das Kapitel innerhalb seiner Kompetenz. Um einem Strafvorgehen des Bischofs vorzubeugen, nahm es vor der bischöflichen Visitation selbst solche vor 3). Außerhalb der Visitation konnte der Bischof nicht nach den Vorschriften des Triden- tinums Vorgehen. Das DK blieb bei seinen Gewohnheitsrechten alter Observanz und sicherte sich diese Rechte durch die Wahlkapitulationen: 1601 ,,. . . nullum praelatum, Canonicum seu Beneficiatum Chori et Civitatis huius Brixinensis vel clericum etiam (episcopus) incarcerabit, excommunicabit vel interdictum seu suspensionem ponet, nisi in defectum Decani atque Capituli atque praehabito consilio Capituli.“ 1702 , „Praelatos, Canonicos, sive residentes sive non residentes, etiam Hospitalia et Parochias pleno iure incorporatas administrantes, et Beneficiatos huius Civitatis . . . non incarcerabit, excommunicabit vel interdictum seu suspensionem nec ullum etiam processum sive informativum sive iudicialem in eos instituet, aut ponet, nisi in defectum Capituli, Decani et praedictorum, et tunc nonnisi Capitulo praevia monitione facta. Et quidem circa parochos intelligatur iurisdictio Capitulo competere quoad ea, quae concernunt ipsam incorporationem, oeconomian, urbaria, fabricas ecclesiarum et domos ad eas spectantes, ita, ut ipsa persona parochorum quoad haec puncta personaliter a Capitulo citari, visitari et constringi possit, uti hactenus practicatum fuit.“ b Prot. Cap. V b, 446. Sess. XXI, cap. 6 de ref. Sess. XXV, cap. 14 de ref. 2) Prot. Cap. V b, 497 f. 3) Prot. Cap. Via, 77 (1577 I 14). Die Visitation wird vorgenommen wie im Jahre 1568. Prot. Cap. Via, 180 (1581 XI 3). Der Dekan hat von einer Generalvisitation vernommen. Darum rät er dem DK, sich selbst und die dem DK unterworfene Klerisei zu visitieren und zu reformieren, ehe die Visitation beginne, wie es früher geschehen, damit sich der Bischof nicht zu beklagen hätte. Prot. Cap. Vila, 164 f. (1602 II 22). Der Bischof verlangt die Visitation „absente decano“. Das DK bewilligt es nach langem pro et contra. Die Prot, berichten nichts über den Verlauf der Visitation. Prot. Cap. XV, 606 ff. (1674 VII 14). Das DK protestiert gegen die visitatio personalis durch den Bischof und behauptet, er habe „propter exemptionem“ keine Jurisdiktion. Das DK erläßt darum an die DHH ein Dekret, daß keiner vor dem Bischof zur visitatio personalis erscheine, bevor derselbe nicht erklärt hätte, „qua sub qualitate“ er visitiere. Der Dekan erfährt vom bischöflichen Sekretär: Wenn er zur festgesetzten Stunde nicht vor dem Bischof erscheine, trete die bereits geschriebene Exkommunikation in Kraft. Daraufhin verlangen zwei DHH vom Bischof die Erklärung „qua sub qualitate“ er visitiere oder die schriftliche Erklärung, daß die visitatio personab's dem exempten DK nicht präjudizierlich sei. Der Bischof gibt jedoch nicht nach und das DK weicht mit Protest der Gewalt und erscheint, erklärt aber, daß die Visitation nicht anders als „vigore Concilii Trindentini (Sess. XXV, cap. 6 de ref)“ gehalten werde. Das DK hält an seiner Exemption fest. Prot. Cap. XVI, 381 f. (1679 V 23). Das DK wird unter Aufrechterhaltung der Privilegien und Exemptionen visitiert. Prot. Cap. XX, 152 f. (1704 V 17). In allen diesen Berichten wird nichts erwähnt, daß bei der bischöflichen Visitation einmal gegen Kleriker oder Kanoniker des DK mit Strafen vorgegangen worden wäre.