Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels
168 Prader, Das Statut über die geistliche Gerichtsbarkeit des Domdekans. 1485 I 28 !). 1622 II 22 * * 2). Decanus habet et debet exercere iuris - dictionem et cohercionem graduellem in omnibus causis civilibus et criminalibus civiliter intentatis in summum prepositum, canonicos maioris ecclesie et in omnem clerum ad chorum spectantem ac in omnes et singulos clericos civitatis et suburbiorum Brixinensium; in reliquos vero ibidem, qui non sunt beneficiati accumulative, potest etiam et debet eosdem pro eorum delictis et excessibus, iuxta statuta capituli ab officio et beneficio ac perceptione fructuum, reddituum, proventum beneficiorum, que possident, ad tempus suspendere et canonica monitione pre- missa excommunicare et interdicere, prout sibi de iustitia et equitate videbitur expedire, ita tamen, ut decanus pro tempore existens sine capituli vel maioris aut sanioris partis consilio in arduis negotiis, saltim in correctione canonicorum capitularium maioris ecclesie, nichil debet attemptare, iurisdictione tamen episcopi in causis criminalibus criminaliter intentatis, similiter etiam in causis prescriptis ad eum aut in defectum decani iuxta disposicionem iuris comunis aut per appellationem iuste devolutis salva. 2. Der Domdekan als Träger der Strafgewalt. Aus den vorhin erwähnten Texten der Statuten und der Privilegienbestätigungen geht hervor, daß der Domdekan das ausübende Organ der Strafgewalt und überhaupt Träger der Jurisdiktion war. Seine Gewalt geht weit über eine Korrektionsgewalt hinaus 3). Er hatte eigentlich iurisdictio in foro externo. Denn nur der Inhaber dieser kann Kirchenstrafen verhängen. Daher kann man den Domdekan in Brixen zur Kategorie der niederen Prälaten rechnen, welche eine Quasiepiskopaljurisdiktion besitzen und die Vollmacht haben, über ihre Untergebenen auch Zensuren zu verhängen 4). Jedoch kann er nur im weiteren Sinne zu den praelati nullius gerechnet werden, weil ihm keine Jurisdiktion über ein dem Diözesen verband losgetrenntes Territorium zustand wie den eigentlichen praelati nullius, sondern nur einzelne aus der bischöflichen Jurisdiktion fließende Rechte. Gerade dieser letzte Umstand bedingt nur eine teilweise Exemption von der bischöflichen Gewalt 5). In gewissen Fällen durfte aber der Domdekan seine Jurisdiktionsgewalt nicht allein ausüben, sondern nur mit Rat und Zustimmung des Kapitels. Besonders bei schweren Vergehen von DHH durfte er nicht selbständig mit strafrechtlicher Verfolgung des Deliktes Vorgehen 6). Nach den Statuten von 1422 war die Gerichtsbarkeit des Dekans noch mehr eingeschränkt. Er mußte gegen Chorherren des Kollegiatkapitels collegialiter mit den residierenden DHH und mit dem Propst des Kollegiatkapitels Vorgehen 7). x) Santifaller, Statuti, p. 59. Die in Kursivschrift gedruckten Teile sind neu im Vergleiche zum früheren Text der Statuten. 2) Wolfsgruber K., Das Brixner DK, Anhang. 3) Eine bloße Korrektionsgewalt besitzen heute noch die Kardinale an ihren Titelkirchen. Es ist das aber keine potestas iudicialis. 4) Hinschius, KR, II, S. 347, V, S. 293; Hollweck J., S. 89, 126, n. 2; Schmalzgrueber, V, S. 39, n. 13; V, S. 39, n. 341; V, S. 39, n. 21. 5) Hinschius, KR, II, S. 347. 6) Statut vom Jahre 1485, n. 2. 1622, cap. 3. 7) Santifaller, UB, I, n. 65, a. 1221 (Stiftungsurkunde des Kollegiatkapitels), vgl. S. 21. — Statut vom Jahre 1422, n. 2: „. . . in factis causis et excessibus canonicorum sancte Marie debet in capitulo una cum ipsorum preposito in ipsius presentia alias ipso absente cum canonocis summis sedere et interessé ad discutiendum predicta.“ Entspricht dem Statutentext vom Jahre 1485 mit Ausnahme von: . . . qui non sunt beneficiati, vel de choro, accumulativam . . . . . . que possident, canonice, suspendere.