Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels

Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels. 169 Strafmaßnahmen gegen Kleriker, die nicht zum Domklerus gehörten, durfte der Dekan nur de consensu et consilio capituli treffen 1). Jedoch haben die Statuten von 1485 und 1622 diese Vorschrift nicht mehr. Hat aber der Dekan selbst die Statuten übertreten, so war das Kapitel zuständig, ihn zu belangen 2). 3. Der Personenkreis, welcher dieser Strafgewalt unterstellt war. In persönlicher Hinsicht umfaßte die Gerichtsbarkeit des Domkapitels: a) Alle Kanoniker der Kathedrale und den ganzen übrigen Domklerus („clerum ad chorum spectantem“), wozu die sechs Chorherren des Kollegiatkapitels, die Benefiziaten der Kathedrale, die Kleriker der Doinschule und der übrige Klerus der Stadt und der Vororte gehörte. Dazu zählten auch die Benefiziaten an den anderen Kirchen und Kapellen der Stadt, ebenso die Hauskapläne der Kanoniker („clerus civitatis et suburbiorum“) 3). Unter „clerus civitatis“ ist jener Klerus gemeint, welcher innerhalb der Stadtmauern das Domizil oder Quasidomizil hatte oder auch bloß vorübergehend dort wohnte 4), zum Unterschied von jenem außerhalb der Stadtmauern. Zum „clerus in suburbiis“ gehörte der Spital ver waiter auf der Kreuzesinsel und seine Kapläne, der Benefiziat im oberen Spital, der Benefiziat in der Katharinenkapelle in der Runggad und die übrigen Geistlichen, welche außerhalb der Stadtmauern wohnten. b) Das DK konnte selbst gegen Laien, welche in seinen Diensten standen, mit Zensuren vorgehen, im Falle, daß sie sich weigerten, als Testamentsvollstrecker Testamente von Kanonikern oder anderen Klerikern, welche unter domkapitlicher Jurisdiktion standen, auszuführen 5 6). 1) Statut vom Jahre 1422, n. 3: „Item, quod de consensu et consilio capituli decanus habet corrigere omnem clerum civitatis Brixinensis, in quem sua iurisdictio extenditur.“ 2) Statut vom Jahre 1485, n. 7; Statut vom Jahre 1622, cap. 3: „Si vero decanus hoc presens statutum transgrederetur, iudicio capituli subiacere debet.“ DKA, Lade 34, n. 1 A, Akten des Strafvorgehens. Prot. Cap. XVI, 373, 418, 502: Der Dekan Jesse Perkhofer wird im Jahre 1675, obwohl er Weihbischof ist, vom DK als dem „Gericht erster Instanz“ zitiert. Weil er aber nicht erscheint, wird der „processus in contumaciam“ gegen ihn geführt. 3) Santifaller, UB, I. n. 65; I, n. 225; II, n. 30; II, n. 512; II, n. 453. DKA, Lade 60: Originalstiftungsurkunde des Benefiziums zur hl. Barbara vom Jahre 1441: ,,. . . quod si plures missas omitteret ex presumptione aut alias incorrigibilis foret, ex tunc ven. capitulum Brixinense debet ipsum de dicta capellania removere et alteri ydoneo . . . providere. Jurisdictionem etiam habet idem capitulum et potestatem eundem capellanum super excessibus puniendi et corrigendi, prout iuris fuerit secundum omnem subiectionem aliorum vicariorum ecclesie Brixinensis ....“ DKA, Lade 79: Originalstiftungsurkunde des Benefizium Troylianum I vom Jahre 1651: „Qui (bene- ficiatus) sit probus atque vitae laudabilis, non vitiosus, non scandalosus, ut sunt concubinarii . . . non bibulus . . . lusor aut levis vitae. Quod si primum post beneficium aquisitum in huiusmodi crimina et vitia inciderit et admonitus mox se non emendaverit, praesertim in gravioribus, eo fine alia iuris forma pri­vetur . .. “ DKA, Lade 25. In den Statuten vom Jahre 1622 (II. Teil noch nicht ediert) werden 21 Benefiziaten an der Kathedrale aufgezählt. Ebendiese Zahl findet sich schon im 14. Jahrhundert. Alle diese Benefiziaten fielen schon statutengemäß unter die Jurisdiktion des DK. Meistens bestimmen auch die Stiftungsurkunden, wann und wie der Domdekan gegen dieselben strafrechtlich vorgehen kann. 4) Santifaller, Statuti, p. 86 (1539, VIII 28): „Menia (civitatis) autem intelligimus et intelligi volumus portas civitatis nempe ad portam Rungada ad domum villici Seidls, ad Sanctum Erhardum, ad superius hospitale atque portam vulgo beim Mitterbad dictum, usque ad pontem fluminis Isaei.“ In den Statuten vom Jahre 1622, cap. 15, werden die gleichen Grenzen gezeichnet. Prot. Cap. XXVI, 220: Für die Zuständigkeit der Gerichtsbarkeit des DK war nicht bloß das forum domicillii, sondern ebenso das forum delicti maßgebend. 6) Vgl. Statuten von 1422, n. 32; 1485, n. 42; 1622, cap. 36: ,,. . . contractores et contumaces, si canonici vel capellani sint a capitulo per subtractionem suorum stipendiorum, laici vero per censuras ecclesiasticas compellantur ... si de obedientia vel iurisdictione fuerint capituli.“

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