Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels

156 Prader, auch die anderen Archive Brixens noch nicht geordnet sind, war ihre Benützung mit Schwierigkeiten verbunden. Die Arbeit findet eine zeitliche Begrenzung durch das Aufhören der Gerichtsbarkeit am Ausgang des 17. Jahrhunderts. Wie aus der Ausführung ersichtlich ist wird die Terminologie des alten kanonischen Rechtes gebraucht und nicht die des C. I. C. Einen besonderen Dank möchte ich dem fürstbischöflichen Archivar, meinem Freund Dr. Karl Wolfsgruber, aussprechen, der mir beim Ausfindigmachen mancher Archivalien seine hilfreiche Hand bot. 1. ABSCHNITT. Die geistliche Gerichtsbarkeit. 1. Kapitel. Einleitendes. Der Begriff Jurisdiktion (Gerichtsbarkeit) kehrt in den Domkapitelstatuten, in den Kapitelprotokollen, in den Privilegienbestätigungen und den Wahlkapitulationen in ver­schiedenem Sinne wieder und bedeutet meistens die geistliche Gerichtsbarkeit im kano- nistischen Sinne, besonders, wenn es sich um jurisdiktionelle Rechte des Domdekans und des Kapitels über den ihm untergebenen Klerus handelt. Oft bedeutet „jurisdictio“ auch Immunitätsgerichtsbarkeit oder auch die grundherrliche Gerichtsbarkeit. Diese letzte Bedeutung scheidet hier aus, weil nur über die geistliche Gerichtsbarkeit die Rede geht. Unter „jurisdictio“ ist zunächst die freiwillige Gerichtsbarkeit zu verstehen (iurisdictio voluntaria), welche sich auf die außerstrittige Feststellung von Rechtsverhältnissen, Be­glaubigung von Urkunden und die Ausführung des letzten Willens erstreckt1). Die notwendige Gerichtsbarkeit (iurisdictio necessaria) ist entweder eine Zivilgerichts­barkeit (iurisdictio contentiosa) und hat strittige geistliche Rechte zum Gegenstand2), oder eine Strafgerichtsbarkeit (iurisdictio criminalis), welche Exzesse und Delikte verfolgt und bestraft3). Die Jurisdiktion der DKK kam denselben größtenteils nicht kraft allgemeinen Rechtes zu, sondern bildete eine Exemption von den bischöflichen Jurisdiktionsrechten. Daher muß zunächst festgestellt werden, wie solche Exemptionen aufzufassen sind. *) Haring, KR, S. 785, 791. — Das DK nennt das Abhandlungsrecht noch im 18. Jahrhundert „iurisdictio“. Prot. Cap. XIX, 382; XXIII, 793. 2) Schmalzgrueber, tom. Ill, tit. 1, n. 11; Aichner, Sim., Compendium, p. 764; Silbernagl, KR, S. 379. Demnach sind Gegenstände der iurisdictio ecclesiasticocivilis nicht bloß alle Rechte der Kleriker und die res mere spirituales (c. 3, X, I, 43), sondern auch alle res spiritualibus annexae (c. 10, X, II, 1): Zehentstreitigkeiten (c. 5, 6, X, III, 3), Eigentumsklagen gegen Kirchen (c. 5, X, II, 2); ja sogar rein bürgerliche Sachen, wenn sie in irgendeiner Beziehung zur Religion stehen, wie durch Eid bekräftigte Ver­träge (c. 3, 2, in VI °), Vollstreckung frommer Vermächtnisse (c. 3, 17, X, III, 26; Sess. XII de ref.), Aus­führung der Testamente (c. 3, 6, X, III, 26). 3) Schmalzgrueber, a. a. O.: „Causa est criminalis, in qua agitur criminaliter sive ad vindictam publicam, puta ad privationem officii, corporis afflictionem, vel poenam etiam extraordinariam applicandam fisco. Causa est civilis quando attenditur pricipaliter commodum privatum actoris“. Reiffenstuel, tom. II, fol. 4, n. 36: „Judicium est criminale, quando agitur super crimine ad publicam vindictam, id est eo fine ut reus publice seu iuridice puniatur. Iudicium est civile quando non agitur super crimine ad publicam vindictam, id est eo fine ut reus publice seu iuridice puniatur. Iudicium est civile quando non agitur super crimine, sed super re aliqua, sive iure debito, vel si quidem agatur super crimine, non tamen ad publicam vindictam, sed ad interessé privatum.“ Barbosa, Collectanea, tom. I, fol. 349, n. 4: „Causa criminalis dicitur, quando principaliter agitur ad commodum publicum ex delicto tantum, seu ad publicam vindictam. Si pro delicto aliquis veniat punien­dus poena pecuniaria, quae applicatur fisco, causa dicitur criminalis, si vero parti, civilis.“

Next

/
Oldalképek
Tartalom