Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 46. Erich Zöllner (Wien): Aus unbekannten Diplomatenbriefen an den Freiherrn Franz Binder von Kriegeistein

Aus unbekannten Diplomatenbriefen an den Freiherrn Franz Binder von Kriegeistein. 749 Stellung, wohl aus dem Jahre 1830 vor1) —, an den Fürsten und dieser antwortete am 7. Juli. Er freut sich der guten Nachricht, die Binder über die Schlacht von Aspern am 21. und 22. Mai erhalten hatte, ,,qui a remis les affaires en bon état“ — daß vierundzwanzig Stunden vor seinem Schreiben Wagram gegen Österreich entschieden hatte, konnte Serracapriola nicht wissen. Die Situation in Petersburg sei dieselbe wie bei der Abreise Binders, man ist gegen die Regierung verstimmt, die Franzosen bringen alle Neuigkeiten so günstig gefärbt, wie nur möglich, aber ohne Erfolg, das Publikum hat die Besetzung von Wien erst sehr lange nach dem offiziellen Tedeum glauben wollen. Sonst glaubt man zu wissen, daß die russische Unternehmung gegen Schweden (in Finnland) stockt; englische Aktionen an der Murmanküste und in der Ostsee werden von Serracapriola mit Genugtuung registriert. Mit Vergnügen, fährt er fort, hat man von der Niederlage der Polen durch den Erzherzog Ferdinand erfahren, man ist neugierig zu hören, was die russische Armee nach der Besetzung Lembergs machen wird: „D’aprés les gazettes il faudrait erőire, qu’elle avance et qu’elle devrait bientot en venir aux mains avec vos troupes, mais ... mais .. . “ Die Hoffnungen Serracapriolas erfüllten sich nicht, Österreich schloß den schweren Frieden von Schönbrunn. Mißvergnügt beschränkt sich der Fürst in einem italienischen Schreiben vom 25. März 1810, nach Bestätigung des Empfanges dreier Briefe Binders, auf Gesellschaftsnachrichten, von der Politik wolle er gar nicht reden. Ein zweiter italienischer Brief vom 18. April 1810 stellt im wesentlichen nur eine freimütige Unterstützung der Bewerbung des Gesandtschaftsbeamten Lothar von Berks um den Posten des Legations­sekretärs dar. Inzwischen geschah das „Ereignis, welches die Welt erstaunt“, um die Worte Serra­capriolas aus einem fünften Schreiben vom 10. April 1810 zu gebrauchen. Napoleon heiratete Maria Louise. Man weiß, wie sehr Metternichs Vermittlung der zweiten Ehe des Kaisers der Franzosen von den entschiedenen Gegnern des Korsen in Wien getadelt wurde 2). Daß der getreue Gefolgsmann der Bourbonen nicht anders urteilte, nimmt nicht Wunder. Wir ersehen aus seinem Brief, daß Binder die österreichische Einwilligung zur Heirat als notwendig und absolut unausweichlich angesehen hatte. Serracapriola beteuert, er wolle selbst versuchen, sie zu verteidigen, aber das falle ihm nicht leicht. Gewiß, man habe sich von der Sorge um den Frieden Europas leiten lassen, „Mais mon eher Baron, vous avez ä faire ä un homme qui est retenu par ci par lä par quelque reflexions, qui l’arrétent, mais le moment une fois passé, il en fait de nouveaux pro jets qui tendent a son ambition démésurée“. Dann wird eine Menge von Einwänden angeführt, die Beschränkung der päpstlichen Autorität, die Bedrohung weiterer Staaten und die Beeinträchtigung der Rechte der Eltern, die man nicht zwingen dürfe, ihre Zustimmung zu Geschäften zu geben, die schmeichelhaft erscheinen mögen, tatsächlich aber verräterisch sind. Binder hatte offenbar seinerseits Vorwürfe gegen die russische Politik erhoben — Österreich hatte gewiß allen Grund zur Unzufriedenheit —, so muß denn auch Serracapriola in den folgenden Ausführungen einräumen, daß er selbst nicht anders denke: „Tout ce que vous me dites sur la politique de la Russie est parfaitement d’accord avec mes principes; eile se trouve agitée sur les évenements, qui seront traités dans votre nouvelle alliance et sans faire aucune démarche sensée, eile se tient ä des phrases génerales et ä des démonstrations serviles“. Mit einem Schreiben Serracapriolas vom 23. Mai 1810 bricht der uns erhaltene Teil der Korrespondenz ab, es ist allgemeiner und enthält unter anderem ein Bekenntnis des Fürsten zu der auf die britische Seemacht gestützten „maritimen Politik“ des auf die Insel beschränkten Königreiches beider Sizilien, einige Bemerkungen über die kriegerischen Ereignisse in der Walachei und hohes Lob für den österreichischen Botschafter in Petersburg, Grafen St.-Julien. *) Mes Voyages, Nachlaß Binder. 2) H. v. Srbik, Metternich, 2 Bde., München 1925, I, 130.

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