Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 46. Erich Zöllner (Wien): Aus unbekannten Diplomatenbriefen an den Freiherrn Franz Binder von Kriegeistein
750 Zöllner, Es ist nicht festzustellen, ob der schriftliche Kontakt Binders mit Serracapriola noch länger erhalten blieb, der russische Feldzug Napoleons muß auf jeden Fall eine Unterbrechung gebracht haben; auf dem Wiener Kongreß sollten sich beide Staatsmänner Wiedersehen. Als Schwarzenberg und Binder von ihrer Mission zurückgekehrt waren und von ihren Verhandlungen berichteten, nahm auch Friedrich von Gentz die Gelegenheit wahr, um sich über die politische Situation in Rußland und Rußland gegenüber informieren zu lassen. Kurz vor Binders Abreise ins österreichische Hauptquartier, am 29. Juni, hatte er mit ihm eine Unterredung. Binder muß auf den scharfen Beobachter Gentz einen ausnehmend guten Eindruck gemacht haben: „C’est un homme de beaucoup de moyens, d’excellents principes, d’une äme forte et élévé“. Binders Lagebericht scheint ihm dem Schwarzenbergs weit überlegen, ,,beaucoup plus avancé et beaucoup plus correct, un tableau de maitre“ 1). Daß Binder in der Tat nicht nur über eine klare, nüchterne Urteilskraft, sondern auch über die Fähigkeit der treffenden Formulierung seiner Gedanken verfügte, zeigt uns eine am 29. Juli 1809, also ein Monat nach der Unterredung mit Gentz und bereits nach dem Waffenstillstand niedergelegtes Memorandum zur Lage 2). Die hier verfochtene Defensivallianz zwischen Preußen, Österreich und Rußland und die Ablehnung einer Verbindung mit Frankreich scheint nicht recht zu der Serracapriola gegenüber verfochtenen Verteidigung der Heirats- politik Metternichs zu passen, eher zu den Grundsätzen des ersten der Berliner Vorbilder, nämlich Stadions. Aber man darf nicht vergessen, daß es sich hier um rückhaltslose grundsätzliche Meinungsäußerung im eigenen Kreise handelt, nicht um praktisches Verhalten gegenüber dem Sieger; einen Revanchekrieg gegen Frankreich noch zu Lebzeiten Napoleons, hielt Binder damals für aussichtslos. In dem Jahre 1810 kehrte Binder noch einmal aus traurigem Anlaß kurz an seinen früheren Wirkungsbereich, nach Berlin, zurück: Er überbrachte das offizielle Beileidschreiben anläßlich des Todes der Königin Luise 3). Von dort aber begab er sich direkt nach Kopenhagen, wo er am 12. September eintraf, um hier als österreichischer Gesandter sein Beglaubigungsschreiben zu überreichen — zum erstenmal ordentlicher Leiter einer österreichischen Vertretung im Auslande, übrigens als Nachfolger seines Bruders Friedrich. Die Gesandtschaft in Kopenhagen war wohl keine der entscheidenden Positionen der österreichischen Diplomatie, wie die Vertretungen in Paris, London, Berlin und Petersburg, aber doch ein wichtiger Horchposten an einem neuralgischen Punkt der europäischen Front, nur einem zuverlässigen Manne anzuvertrauen. Wie aus der Instruktion für Binder 4) hervorgeht, betrachtete man ihn auf Grund seiner Tätigkeit in Stockholm, Berlin und Petersburg als Spezialisten für die „Verhältnisse des Nordens“. Hier finden wir zum erstenmal die in den späteren Instruktionen regelmäßig wiederkehrenden Feststellungen, daß er infolge seiner Erfahrung über das Wesentliche informiert sei, die Instruktion nur einen allgemeinen Überblick geben solle; sie ist im übrigen ganz im Sinne der österreichisch-französischen Zusammenarbeit abgefaßt, ohne daß diese auch in der Geschäftsführung Binders zum Ausdruck käme. Er versorgte Metternich mit detaillierten Berichten über die Bewegungen der Engländer in den Meerengen und der Ostsee, sandte auch die englischen Zeitungen, welche in Kopenhagen zeitweise sehr regelmäßig eintrafen und berichtete über die Tätigkeit des entthronten Königs von Schweden 5). Im April 1812 schloß er seine Tätigkeit am dänischen Hof ab. Seine nächste diplomatische Mission führte Binder nach Süddeutschland. Im August 1812 wurde er nach Stuttgart versetzt. Seine Haltung gegenüber dem System der *) Journal politique de 1809 in Taschenbücher 2, I, 73. 2) Eigenhändiges Konzept, Nachlaß Binder. 3) Ein Bericht Binders aus Berlin, vom 1. September 1810 (Konzept, Nachlaß Binder) gibt einen Hinweis, wie Hardenberg ,,avec lequel j’ai d’anciennes liaisons d’amitié et de confiance“ und er selbst die Lage sahen, charakteristisch ist das Mißtrauen gegen Rußland. 4) H. H. u. St. A., St. K., Fasz. Dänemark 98, 1810, April 29. 5) Wie oben, Fasz. Dänemark 98, 99, 100 (1810—1912).