Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 35. Alphons Lhotsky (Wien): Eine unbeachtete Chronik Österreichs aus der Zeit Kaiser Friedrichs III
544 Lhotsky, was sy noch1) vor von dem reich ze lehen heten, daz das alles an lehenschafftk) besiczen mochten1). Dieselben graven darauf“1) all ir grafschafft, herschafft, púrg und gsloss am teuts[chen] mit etlichen underschaiden demselben kúnig Fridrichen und vorgemelten herezog Albrechtén, sein brúder“), und herezog Sigmund[en]°), irer baider vettern, vermachten und gegenge[ben] umb das herezogtumb Krain empfa[ngen ?], sich demp) Römischen kúnig gehorsamlich underténigten. Die zahlreichen Streichungen und Änderungen lassen eine ungewöhnlich tiefe Einsicht in die Arbeitsweise eines spätmittelalterlichen Autors gewinnen; man erkennt, mit welcher Überlegung der Verfasser — er nennt sich schlicht „Dieses Buches Zusammensetzer“ — zu Werke ging, nicht nur in stilistischen, sondern auch in sachlichen Einzelheiten. Herr Professor Dr. Rupprich hatte die Güte, den Text philologisch zu untersuchen, und konstatierte „bayerische Grundlage im Wortgebrauche, teilweise in der Rechtschreibung, aber auch starken Einfluß mitteldeutscher, wahrscheinlich Prager Formen“. Inhaltlich bietet die Chronik, soweit sie erhalten ist, eine nicht unwesentliche Bereicherung des Bildes, das man sich von den Persönlichkeiten und Vorfällen bisher gemacht hat. Die erste Zusammenkunft der österreichischen und obderennsischen Landherren nach König Albrechts II. Tode (f 27. Oktober 1439) fand bereits am 15. November 1439 in Wien statt. Man weiß über die Einzelheiten aus amtlichen Aufzeichnungen und aus Thomas Ebendorfers Chronik recht gut Bescheid, erfährt aber nur hier mit solcher Deutlichkeit, daß Herzog Friedrich deshalb in Perchtoldsdorf weilte, weil ihn die Herren gar nicht nach Wien selbst einlassen wollten.1) Erst auf Grund der schriftlichen Abmachungen, von denen auch das Fragment meldet, hat man dem Herzog schließlich den feierlichen Einzug in Wien gewährt, u. zw. um den 6. Dezember, was der Chronist nicht wußte oder nicht angab.2) Bisher unbekannt3) ist die Erwähnung der Einräumung der landesfürstlichen Burg, die man vor Abgabe der Perchtoldsdorfer Reverse vom 1. Dezember nicht zuletzt wegen der darin auf bewahrten Archivalien und Kleinodien der Albertiner dem „steirischen“ Friedrich nicht hatte überantworten wollen. Der Autor erwähnt nun richtig, daß bald darauf die Erwählung Herzog Friedrichs zum Nachfolger seines Vetters Albrecht V. (II.) in Frankfurt stattfand — es war am 6. April 1440. Genauere Zeitangaben sind dem Chronisten nicht geläufig — man erkennt daraus allein schon, was die nähere Prüfung seiner Mitteilungen noch sicherer ergeben wird: daß er ohne schriftliche Vorlagen, bloß aus dem eigenen Gedächtnisse und den Mitteilungen anderer, seine Schilderungen schuf. Nur so ist es möglich, daß dem sachlich sehr wohl unterrichteten Manne alsbald ein Mißverständnis unterlief, wie es beim Vorhandensein auch nur sehr geringfügiger urkundlicher und anderer Aufzeichnungen schwerlich unterlaufen sein würde. Nach seiner Darstellung hätte Friedrich vor seiner Abreise zur Krönung auf einer Versammlung mit den Ständen für die Zeit seiner Abwesenheit ein „Regiment“ eingesetzt und tausend Mann Soldtruppen zum Schutze Österreichs angeworben; als er wiederkehrte, hätten diese Truppen wegen ') eingefügt. k) alles an lehenschafft eingefügt, darunter frey durchgestrichen. ') darnach und durchgestrichen. m) eingefügt. n) sein brúder nachgetragen. °) darnach seinen brúder durchgestrichen. 11) darnach kúnig durchgestrichen. *) Ebendorfer (Hieron. Pez., Script, rer. Austr. 2, 858) schrieb nur sed civitatem non intravit, sed instituta diéta ad Bertolsdorff, ad quam de quatuor statibus Austrie transmissi sunt usw. 2) Ebendorfer: circa festum Nicolai dominus Fridericus dux prenominatus intravit Wiennam, ubi per cives et universitatem solennitate multa susceptus est. s) Vgl. Theodor Georg von Karajan, Die alte Kaiserburg zu Wien vor dem Jahre MD (Berichte und Mitteilungen des Altertumsvereines zu Wien 6, 1853), S. 71.