Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick
44 Largiadér, wurden die Archivalien geteilt und die Landschaft erhielt das sogenannte Alte Archiv. Als solches bezeichnete man damals alle Archivalien, die sich „ausschließlich auf abgetretenes Staatseigentum und auf Angelegenheiten der landschaftlichen Gemeinden beziehen“. Alle Generalakten, welche beide Kantonsteile betrafen, verblieben in Basel und wurden gemäß einer Übereinkunft von 1834 als gemeinsames Eigentum beider Landesteile betrachtet, wobei dem Kanton Basel-Land der freie Zutritt und die freie Einsicht in diese Bestandteile gewährleistet blieb. — Die Akten der landschaftlichen Kantonsregierung seit 1833 bilden eine jüngere selbständige Reihe. — „Es ist natürlich, daß die vorgenommene Teilung keine in allen Einzelheiten zutreffende und auch keine erschöpfende gewesen ist, so daß nach Sage des Vertrages gegenseitige Ausscheidungen bis in die letzten Zeiten stattgefunden haben“, so urteilt Rudolf Wackernagel 1904 in seinem Repertorium des Staatsarchivs zu Basel. x) In mehr als einer Hinsieht sind die Archivzustände des Landes Zug bemerkenswert. Die Genesis des Archivs spiegelt die Dezentralisation der politischen Gewalten in diesem kleinen Kanton. Neben der Stadt Zug stand das sogenannte „Amt“, zusammengesetzt aus den Gemeinden Baar, Aegeri und Menzingen, und beide Teile rivalisierten seit dem 14. Jahrhundert in der Führung der Staatsgeschäfte. Ein Begehren der Landgemeinden nach Herausgabe von Archiv, Siegel und Banner wurde zwar 1404 abgewiesen, aber die Landschaft hatte fortan freien Zutritt zum Archiv. Das Stadtarchiv Zug besitzt die alte, wichtige Urkundenreihe, daneben besteht das „Dreigemeindenarchiv“ in Ober-Aegeri, und davon sind scharf zu unterscheiden die autonomen Gemeindearchive von Baar, Menzingen und Aegeri mit altem, wichtigem Material. Die Kantonsregierung bediente sich bis in die Neuzeit hinein der Stadtkanzlei und städtischer Verwaltungsgebäude; Ansätze zu einer kantonalen Kanzlei finden sich erst im 16. Jahrhundert. Und gar von einem Kantonsarchiv kann erst nach 1600 gesprochen werden. So hat der Dualismus im zugerischen Staatswesen im Archiv seine tiefen Spuren hinterlassen. In Zug liegt ferner noch das Waldstättenarchiv, d. h. die helvetischen Akten des Kantons Waldstätten, der Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug umfaßte; das Miteigentum der anderen Kantone ist heute noch anerkannt2). Das für das 600-Jahr-Jubiläum des Bundeseintrittes Zugs auf 1952 geplante Zuger Urkundenbuch wird mit dem Nachweis der Provenienz seines Inhaltes die Archivgeschichte und die eigenartige politische Struktur des Landes deutlich darlegen. * * * Eine dritte Gruppe endlich sind die noch verbleibenden Kantone St. Gallen, Aargau, Thurgau, Tessin und Waadt. Sie sind erst im Jahre 1803 zu selbständigen Kantonen emporgestiegen, indem sie aus ehemaligen Untertanenländern oder aus zugewandten Orten gebildet wurden. Dabei wurde so verfahren, daß sie die ihr Gebiet betreffenden Akten erhielten. Das Staatsarchiv des Kantons St. Gallen erhielt die Akten der Landvogteien Sargans, Rheintal, Sax, Werdenberg, Gaster und Uznach, ferner die zur Zeit der Helvetik erwachsenen Akten von 1798—1803. Daran reiht sich der neuere Bestand an Regierungs- und Verwaltungsakten des Kantons, der mit 1803 einsetzt. Nach 1838 wurde dem Staatsarchiv auch das Archiv des 1838 säkularisierten Klosters Pfäfers (St. Pirminsberg) einverleibt 3). b Wackernagel, Repertorium, S. XXVIII—XXIX. — Das Staatsarchiv des Kantons Basel- Landschaft, Liestal 1907. 2) Robert Hoppeier, Das Waldstätten-Archiv in Zug, Neue Zürcher Zeitung, 13./14. Dezember 1894, Nr. 345—346. Vorübergehend waren mit diesem Archiv auch das alte Landesarchiv von Schwyz und das Stiftsarchiv Einsiedeln verbunden gewesen, die aber nach dem Sturz der Helvetik wieder ihren Eigentümern zurückerstattet wurden. 3) Otto Henne am Rhyn, Inventar des Staatsarchivs des Kantons St. Gallen, Inventare I, Bern 1895. — Joseph Anton Müller, Geschichte des Staatsarchivs des Kantons St. Gallen. In: Archival. Zeitschrift, 39. Bd., München 1930, S. 145—167. — Franz P e r r e t, Die Bedeutung des Archives Pfäfers für die Bündner Geschichte. In: Bündn. Monatsblatt 1949, S. 29—32.