Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 26. Willibrord Neumüller und Kurt Holter (Kremsmünster): Kremsmünsterer Briefe aus der Zeit des Interregnums

412 Kremsmünsterer Briefe aus der Zeit des Interregnums. Von Willibrord Neumüller und Kurt Holter (Kremsmünster). Schon im Jahre 1935 fielen uns bei der ersten Durchsicht sämtlicher mittelalterlichen Handschriften der Kremsmünsterer Stiftsbibliothek einige Flicken und Falze auf, die sich als Fragmente von Briefen und Briefkonzepten aus der Zeit vor und um 1300 herausstellten. Die Zeitereignisse und andere Arbeiten schoben zunächst eine systematische Nachforschung nach diesen kleinen Pergamentzetteln hinaus, bis im Frühjahr 1947 die Untersuchung über den Geschichtsschreiber Bernardus Noricus eine neue gründliche Überprüfung der Codices Cremifanenses notwendig machte. War doch die Hand dieses Bernardus Noricus, der sich im Kloster Kremsmünster als Schreiber, Korrektor, Miniator und Bibliothekar betätigt und als eifriger Leser eine Unzahl von Randbemerkungen in die Handschriften eingetragen hatte, in nicht weniger als 70 Kremsmünsterer Codices nachzuweisen. Dabei wurden etwa 250 Pergamentstückchen, die kleinsten zirka 20 X 40 mm, die größten und selteneren etwa 50x150 mm, in den Pergamenthandschriften als Falze und Flicken auf Löchern, an der Außenseite der Vorder- und Rückdeckel zwischen Leder und Holz oder als Beklebung der Innenseite der Deckel, ja auf dem Rücken selbst zwischen dem Leder des Einbandes und dem Buchblock gefunden. Soweit es sich um sichtbare Überklebungen handelte, genügte für die meist nur einseitig beschriebenen und mit der Schriftseite aufgeleimten Stücke zur Feststellung von Briefen die Durchleuchtung mit natürlichem oder gewöhnlichem künst­lichen Licht. Für die in den Deckeln und auf dem Rücken etwa zu vermutenden Stücke gaben die Einbände selbst einen gewissen Anhaltspunkt. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß die Brieffragmente vorwiegend in solche Handschriften verarbeitet worden waren, die man um 1400 neu gebunden hatte. Da Versuche mit Röntgenstrahlen zu keinem positiven Ergebnis führten, wurde nun bei einigen als Fundstelle sehr verdächtigen Codices das Leder des Einbandes in geduldiger und mühsamer Arbeit vorsichtig abgelöst. So fanden sich tatsächlich neben Briefen einige für die Bibliotheksgeschichte wichtige Fragmente des 9. Jahrhunderts und nicht unbedeutende neue Quellen, wie z. B. eine Schreiber- und Bücher­liste aus der Zeit um 1300. Diese Arbeit, für die der eine Herausgeber als Stiftsbibliothekar die volle Verantwortung trägt, die aber durch den Erfolg durchaus gerechtfertigt erscheint, war nur möglich im Hinblick auf die Anleitung und die Fähigkeit der Buchbindermeisterin Eleonore Klee von St. Florian, die teilweise zerlegten und meist schon an sich sehr erneuerungsbedürftigen Handschriften in geradezu mustergültiger Weise zu restaurieren. Selbstverständlich konnte nur in ganz wenigen Fällen so radikal vorgegangen werden und so dürften wohl die Handschriften, Inkunabeln und älteren Bände der Kremsmünsterer Stifts­bibliothek noch manche wertvollen Fragmente enthalten. Die Ablösung der Pergamentstückchen geschah mit etwas Wasser, nachdem erste Versuche die alte Tinte mit ganz wenigen Ausnahmen als durchaus wasserbeständig erwiesen hatten. Sie erforderte sehr viel Geduld und Behutsamkeit. Im Hinblick auf eine viel großzügigere und ergiebigere ähnliche Aktion in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo große Fragmente lediglich aus der Innenseite der Einbanddeckel abgelöst worden waren, ohne deren Herkunft zu vermerken, legten wir jetzt auf die sofortige Eintragung der Pro­venienz besonderen Wert. Denn für die Zusammenstellung der kleinen Bruchstücke gab

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