Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 26. Willibrord Neumüller und Kurt Holter (Kremsmünster): Kremsmünsterer Briefe aus der Zeit des Interregnums

Kremsmünsterer Briefe. 413 vielfach, wenn auch nicht immer, die Herkunft aus der gleichen Handschrift oder Hand­schriftengruppe einen Hinweis. Allerdings mußte in vielen Fällen die Aneinanderfügung der Fragmente sehr mühsam nur auf Grund der Schriftgleichheit erfolgen. So ergab sich — nach Ausscheidung der nicht mehr zu ergänzenden Bruchstücke — ein Stock von über 100 fast vollständigen Briefen. Die Lesung bot allerdings infolge der Falzung, der Durchlöcherung durch die angebrachten Nähte und der oft außerordentlich kleinen Schrift erhebliche Schwierigkeiten. Wenn man noch zu Beginn dieses zweiten Stadiums der Bearbeitung, als wir nämlich an die Lesung gingen, glauben konnte, die nunmehr vorliegende Briefsammlung an dieser Stelle in toto publizieren zu können, stellte sich nach ihrem Abschluß das Material als so umfangreich heraus, daß eine Teilung notwendig wurde, um in dem für die Festschrift vor­gesehenen Rahmen bleiben zu können. Für eine Teilung bot sich der zeitliche Gesichtspunkt von selber an, zumal er im Inhalt eine gewisse Parallele findet. Der Großteil der mehr oder minder vollständigen Briefe stammt aus der Zeit des Abtes Friedrich von Aich (1275—1325) und gruppiert sich in diesem Zeitraum besonders um die Persönlichkeit des Hertwik von Schlüsselberg, der als Glasmaler, Kustos und im ersten Jahrzehnt als Prior von Kremsmünster bekannt geworden ist. Die Korrespondenz dieser Zeit betrifft vorwiegend monastische Dinge. Was an politischen, kunst- und kulturhistorischen Einzelheiten besonderes Interesse beansprucht, ist damit meist ziemlich eng verbunden. Daneben zeichnete sich eine kleinere Gruppe ab, die mit dem Namen des Magisters Chunradus gekennzeichnet werden kann, eines Passauer Notars, der zwar keine besondere geschichtliche Bedeutung besitzt, sich jedoch durch Bücherschenkungen an das Stift Krems­münster verewigt hat. Auch seine Korrespondenz, ein- wie ausgehende, gehört der Aich- Zeit an, das Briefmaterial stammt vorwiegend aus den Codices, die ehedem in seinem Besitz gewesen waren. Vielleicht ist ihre Verwendung zum Teil schon zu seinen Lebzeiten erfolgt. Nachdem diese beiden Gruppen ausgeschieden werden mußten, ist ihre Veröffentlichung nunmehr in den Studien und Mitteilungen aus dem Benediktinerorden vorgesehen. Als eine dritte Gruppe lassen sich die Briefe aus der Zeit vor Abt Friedrich von Aich zusammenfassen. Damit stimmt ihre obere Grenze mit dem Ende der Epoche des Interregnums gut überein, die wenigen Stücke, die diesem Zeitraum vorangehen, lassen seine Verhältnisse aber auch schon erkennen. In dieser Gruppe befindet sich eine ganze Anzahl von Briefen, bei denen der Zusammenhang mit Kremsmünster nicht ohne weiteres sinnfällig ist und sie umfaßt gleichzeitig die historisch interessantesten Briefe, die bisher gefunden wurden. Diese Gruppe, zeitlich an erster Stelle stehend, soll nun im folgenden veröffentlicht werden. Sie umfaßt 38 Briefe, die zwar keine beabsichtigte Einheit bilden, aber doch auch als ein Ganzes betrachtet werden können. Ihre Zahl wäre leicht auf 50 zu erhöhen gewesen, hätten wir nicht von der Publikation von drei, zwar ziemlich vollständigen, aber durch eine ehemalige Leimung ganz unleserlich gewordenen, größeren und neun kleineren Fragmenten aus demselben Zeitraum Abstand nehmen müssen, da die letztgenannten zu bruchstückhaft waren, um irgendwelche Regesten daraus zu gewinnen oder historische Zusammenhänge erkennen zu können. Auch von den veröffentlichten entbehren manche, etwa die Bittbriefe (Nr. 2, 29, 37, 38) und diejenigen, in welchen es nur um die Aufnahme oft unbekannter Personen in das Kloster geht (Nr. 1, 11, 31, 35), eines größeren Zusammenhanges. Als Zeit­dokumente werden aber auch sie ihren Wert haben. Dagegen bedürfen die an Herzog Friedrich den Streitbaren gerichteten Briefe (Nr. 4—6, mittelbar gehört dazu auch Nr. 3) einer be­sonderen Hervorhebung. Sie sind nicht nur durch die darin gespiegelten historischen Vor­gänge, die bisher in keiner Geschichte erscheinen, sondern auch als Quellen für die Ver­waltungsgeschichte Oberösterreichs im Zeitraum kurz vor der Konstituierung dieses Landes und schließlich wegen ihrer Terminologie bemerkenswert. Der erste (Nr. 3) hat seine Bedeutung als neuer Beleg für den endgültigen Übergang der Vogtei über die oberösterreichischen Klöster in die Hand des Landesherrn, der gerade

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