Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 25. Heinrich Fichtenau (Wien): Unbekannte Lambacher Annalen (1187-1243)

406 Unbekannte Lambacher Annalen (1187 — 1242). Von Heinrich Fichtenau (Wien). Wenn diese Festschrift zum Anlaß genommen werden soll, ein jüngst aufgefundenes Annalenfragment zu publizieren, möge dies als bescheidener Hinweis auf die Wichtigkeit der ordnenden Tätigkeit der öffentlichen Archive gelten, durch die anscheinend längst erschöpfte Quellengebiete zur österreichischen Geschichte stets neues Material für die For­schung bieten. Der zweite Weltkrieg, durch den so viel wichtigstes Archivgut der Zerstörung anheimfiel, hat immerhin solche Arbeiten auch dort ermöglicht, wo sie in friedlichen Zeiten von geschulten Archivaren nicht hatten durchgeführt werden können. So konnte das Archiv des oberösterreichischen Benediktinerklosters Lambach im Jahre 1947 am oberösterreichischen Landesarchiv in Linz neu geordnet werden. Dabei machte mich der Bearbeiter, Herr Oberlehrer G. Grüll, in freundlicher Weise auf einige von Buchdeckeln abgelöste Handschriftenfragmente aufmerksam, unter denen sich ein Blatt mit chronologischem Inhalt befindet, das nachträglich für fortlaufende annalistische Ein­tragungen verwendet wurde. Von einer Hand aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts sind in Tabellenform die Jahreszahlen von 1187 bis 1243 untereinander geschrieben, daneben die jeweilige Indiktion, Epakte, Konkurrente, goldene Zahl der Oster Vollmonde, das Datum des Ostersonntags und sein Mondalter. Da jeweils am Beginn des neunzehnjährigen Epakten- zyklus mit roter Tinte Überschriften eingetragen sind, die die Art dieser Daten kennzeichnen, das Blatt aber ohne solche mitten im Zyklus beginnt, läßt sich erkennen, daß die Oster­berechnung auf einem heute verlorenen Blatt mindestens bis 1178 zurückreichte. Ob das kalendarische Fragment von einem Lektionar, einem Brevier oder einer ähnlichen Hand­schrift stammt, läßt sich dagegen leider nicht mehr einwandfrei feststellen. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts besaß das Kloster Lambach nach dem ältesten Bibliothekskatalog *) vier Lektionare, aber nur ein einziges Brevier, das wahrscheinlich von Hand zu Hand wanderte und jeweils von jenen Mönchen verwendet wurde, die auf der Reise am gemeinsamen Chor­gebet nicht teilnehmen konnten * 2). Das Format des Fragments (25 : 22 cm) würde der Ansicht nicht widersprechen, daß es diesem Reisebrevier entstammt, ebenso wie der annalistische Inhalt mit dem oftmaligen Wechsel der Hände. Für diese Eintragungen wurde der äußere Seitenrand verwendet, wo er nicht ausreichte, wurde auch der innere herangezogen oder zwischen den Zeilen des Kalendars geschrieben. Wie in Annalenhandschriften so oft, ist die Zahl der beteiligten Hände überraschend groß, und läßt sich nicht immer genau bestimmen, ob jeder Wechsel im Duktus wirklich einer neuen Hand entspricht. Bei der ersten Notiz, über die Einnahme von Jerusalem, handelt es sich um einen Nachtrag am oberen Seitenrand, eine andere Hand (A) schrieb mit gleich- bleibender Tinte noch die Nachricht über den dritten Kreuzzug. Der nächste Schreiber (B) trug die Notizen zu 1190—1192 ein, dann folgen die Hausnachrichten zu 1194, von gleicher Hand und Tinte wie die zu 1197, und die Bamberger und Passauer Notizen zu 1202 und 1204, vielleicht auch die zu 1203. Der Satz über den Tod des Herzogs Leopold (Liupoldus — mori­tur) wurde von einer neuen Hand (C) ergänzt, die auch die übrigen Notizen zu 1195 schrieb x) A. Eilenstein in Studien und Mitteilungen aus dem Benediktiner- und Zisterzienserorden 51 (1933), 206. 2) A. a. O. 207.

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