Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick

34 Largi ad ér, Johann Jakob Leu, zu Beginn ihrer Beamtenlaufbahn persönlich des Archivs annahmen. Daher in Baden die ständigen Klagen der Beamten, man finde bei den Beratungen diese oder jene Akten nicht. Einzelne Stücke legte man, ohne daß ein leitendes Prinzip zu er­kennen wäre, besonders im 16. Jahrhundert, in Baden nieder, „um sie zu finden, wenn man ihrer bedürfe“ (Schreiben der französischen Behörden wegen der Schweizer Kaufleute 1555; Archivalien des aufgehobenen Klosters St. Katharina in St. Gallen 1554, weil Baden ,,ein gemeiner und unparteiischer Ort“ sei; Haupturkunde wegen der französischen Pensionen 1538; Reverse der Deutschherren zu Hitzkireh und der Bewohnerder Inseln von Brissago 1542). Bestandesaufnahmen des Badener Archivs aus dem 17. und 18. Jahrhundert geben eine Vorstellung vom Inhalt dieser Bestände. Als die katholischen Kantone 1712 nach dem Toggenburger Krieg aus der Mitregierung von Baden ausgeschlossen wurden, verlangten sie die Verlegung der Tagsatzung nach Frauenfeld, und sie sind damit schließlich auch durch­gedrungen. Allerdings wurde ihrem Wunsche nach Dislokation des Badener Archivs nach der thurgauischen Hauptstadt nicht entsprochen, dagegen erhielten die einzelnen Kantone Inventare des Bestandes. Mit dem Untergang der Vogtei Baden und mit dem Anschluß dieses Gebietes an den neuen Kanton Aargau ist dieses eidgenössische Archiv ans Staatsarchiv Aarau gelangt. Auch in dem gemeinsamen Archiv, das die Städte Bern und Freiburg im Schloß zu Murten eingerichtet hatten, zeigen sich dieselben Schwierigkeiten des Kondominiums 1). Es handelt sich um das Archiv der Landvogteien Schwarzenburg, Murten, Grandson und Orbe- Echallens, die den beiden Kantonen als gemeine Herrschaften gehörten. Periodisch tauchen Klagen über UnVollständigkeit und Durcheinander der Bestände auf und ebenso regelmäßig wurden Registraturarbeiten vorgenommen und Inventare erstellt. Bei der Neukonstituierung der Eidgenossenschaft im 19. Jahrhundert wurde dieses Vier-Vogteien-Archiv aufgeteilt zwischen Bern (Schwarzenburg), Freiburg (Murten) und dem Staatsarchiv des Kantons Waadt in Lausanne (Grandson und Orbe-Echallens). Vom eidgenössischen Archiv in Frauenfeld soll im Zusammenhang mit dem thur­gauischen Staatsarchiv die Rede sein, hier genüge ein Hinweis, daß auch in den tessinischen Vogteien, in der Landvogtei Rheintal, in der Landvogtei der Freien Ämter und in der Land­vogtei Sargans eidgenössische Archive vorhanden waren. Im Zusammenhang mit der Verwaltung der Landvogtei Sargans steht auch eine von eidgenössischer Seite angeordnete Untersuchung von Kaiserurkunden auf ihre Echtheit oder Unechtheit. Als 1729 Meinungsverschiedenheiten zwischen den VIII alten Orten als Regenten von Sargans und dem Kloster Pfäfers über seine Rechte ausbrachen, berief sich die Abtei zur Stützung ihrer Ansprüche auf alte Urkunden. Nun kam es zu einem eigentlichen Bellum diplomaticum. Es war in Zürich, wo ein gesundes Mißtrauen gegen die Echtheit der Pfäferser Urkunden immer stärker wurde und wo die Einsicht in die Originale verlangt wurde. Bern und evangelisch Glarus schlossen sich diesem Begehren an, während sich die katholischen Orte zunächst zurückhielten. Und nun geschah das Unerhörte, daß Zürich und Bern eine Untersuchung trotz anfänglichen Widerstandes des Abtes durchführen konnten. Im Mittelpunkt standen zwei angebliche Dokumente Kaiser Heinrichs III. und Kaiser Friedrichs I. Das wissenschaftliche Gutachten stammte von dem Zürcher Chorherrn Dr. med. Johannes Scheuchzer (1684—1738) und hatte sich vor allem mit den Dokumenten zu befassen, die die Abtei nur in Transsumpten vom Jahre 1656, zusammengestellt in einem handschrift­lichen Bande, vorlegte 2). Das Ergebnis der Untersuchung war vernichtend. Scheuchzers Gutachten, datiert den 8. Dezember 1734 und mitunterschrieben von dem aus Bern stam­x) Vgl. über das gemeinsame Archiv in Murten die Bde. IV. 2. 2, V. 2. 2, VI. 1. 2, VII. 1. 2 und VIII der ,,Abschiede“ unter dem Stichwort „Archiv“ im Materienregister. 2) Das Original des Gutachtens von Johannes Scheuchzer befindet sich im Staatsarchiv Zürich, Akten A 363, Kloster Pfäfers. — Vgl. „Abschiede“ VII. 1. Basel 1860, S. 930—939. — Edmund E. Stengel, Karl Widmers Pfäverser Fälschungen. In: Festschrift, A. Brackmann dargebracht, Weimar 1931, S. 591

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