Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt
Zur Charakteristik Bruns von Querfurt. 379 und weiter als man annehmen könnte. Das Abbild Gottes, der Herrscher, wird allmählich zu seinem Widerbild und die Leitsätze der Synode zu Paris von 829 weisen der ihn ersetzenden Potenz schon den Weg, wenn sie festlegen, der König dürfe nie vergessen, daß er der Kirche unterworfen sei. Damit ist auch die Wirkungmöglichkeit von anfänglich oft versteckten Erstmaligkeiten erwiesen, die, ebenso versteckt gefördert, nur aufnahmefähige Augen und Ohren brauchten, um ausgewertet und Werkzeug zu werden. Es sind ja meist Perioden des Überganges, die bereit sind und bereiten. Das zerfallende Reich des großen Karl und die bedauernswerte Gestalt seines Sohnes weckten in gleicher Weise den Zweifel an der Gottnähe und Gottähnlichkeit der Kaiser wie seine weiteren Nachfolger dessen Berechtigung verstärkten. In der Zwischenzeit aber hatte sich, jene Zweifel bald vorsichtig nährend und bald zur Abhilfe heischenden Gewißheit machend, eine Bewegung ausgebreitet, die ursprünglich zwar bloß die Rückkehr zu den Canones der Kirche und der Regel des Mönchstums, speziell der des heiligen Benedikts1), predigte, dadurch jedoch, daß unter den Canones unbedingt auch die pseudoisidorischen Dekretalen verstanden wurden, schon immer einen starken politischen Akzent besaß2). Und da dieser Akzent sehr frühe umfassend und schließlich allein gültig wurde, so daß schon für die Zeit Ottos des Großen das gilt, was Sackur erst für die letzten Jahre Heinrichs II. zugeben will3), wird der Tonfall von Meinungen um die Wende des 10. zum 11. Jahrhundert wohl weniger rätselhaft, aber keineswegs weniger belangreich. Es handelt sich im folgenden um die Aufzeichnungen Bruns, jenes möglicherweise sogar dem kaiserlichen Haus verwandten4 *) Grafensohnes aus Querfurt im Hassegau, einem Grenzwinkel zwischen Thüringen, Sachsen und dem Slawenland, der inmitten der Abhängigkeit eines Magdeburger Domherrn und Hofkapellans von Brauchtum und Zeitströmung ein Eigener und Eigenwilliger geblieben zu sein scheint und dessen Art der Weltbetrachtung den Cluniazensern wohl die erste Befruchtung verdankt, um ihnen aber dennoch in ihrer letzten Konsequenz irgendwie auszuweichen. Denn trotz der augenfällig zur Schau getragenen humilitas der Großen 6) war das Zeitalter der Sachsenkaiser ein aristokratisches und auch die Kirche hatte längst — nicht nur in Angleichung daran — gerne vergessen, daß Petrus ein Fischer gewesen war. Der geistliche Beruf nobilitierte gewissermaßen von selbst, der Priester war des Herrschers rechte Hand geworden und nicht gegen den Rang, sondern gegen dessen Aufgaben waren die letzten Anstrengungen der Reformer gerichtet. Die Stimme Bruns von Querfurt hat nun deshalb einen so besonderen Klang, weil sie Neuland antastet. In allen seinen Auslassungen findet sich mehr als Ablehnung des Mißbrauchs der gottgegebenen Gewalt oder einer Sünde des einzelnen Herrschers, wie etwa bei Einhard und Walahfried6), hier trifft man bereits eine oft nur angedeutete, oft laute, aber immer konsequente Mißbilligung des monarchischen Prinzips überhaupt. Der um 974 Geborene war in der Domschule zu Magdeburg ausgebildet worden und war, nachdem er Domherr geworden war7), wohl 9958) in die Hofkapelle Ottos III. eingeq Vgl. Vita s. Maioli auctore Syro. II. 23 (MG. SS. IV. 651. Bei Migne 137. 764 als: II. 21). 2) Dagegen Ernst Sackur: Die Cluniazenser in ihrer kirchlichen und allgemeingeschichtlichen Wirksamkeit bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts. Halle a. S. 1894. II., S. 304 und neuestens Gerhart Ladner: Theologie und Politik vor dem Investiturstreit ... (in: Veröffentlichung des österreichischen Institutes für Geschichtsforschung II. 1936), S. 46, 60, bes. 140 u. A. 301. 3) Sackur II., S. 459. 4) Vgl. Petrus Damiani vita s. Romualdi c. 27 (MG. SS. IV. 850) und H. G. Voigt: Brun von Querfurt. Mönch, Eremit, Erzbischof der Heiden und Märtyrer. Stuttgart 1907, S. 196/A. 76. Wilhelm v. Giesebrecht: Geschichte der deutschen Kaiserzeit. 5. Auflage 1885, Bd. 2, S. 39 geht wohl zu weit. 6) Vgl. Percy Ernst Schramm: Kaiser, Rom und Renovatio. Leipzig, Berlin 1929. I., S. 143. 6) Vgl. besonders Einhardi translatio Marcell, et Petri (MG. SS. XV/1. 253). Auch Ann. Fuld. a. 874 (MG. SS. I. 387 f.). 7) Gesta arch. Magdeb. (MG. SS. XIV. 361), Ann. Saxo a. 1009, a. 1106 (MG. SS. VI. 658, 745), Ann. Magdeb. a. 1009 (MG. SS. XVI. 164), Gesta epp. Haiberst. (MG. SS. XXIII. 89). 8) Vgl. Voigt, S. 32.