Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt

378 Zur Charakteristik Bruns von Querfurt. Von Hanns Leo Mikoletzky (Wien). Die selbstverständliche Übergangslosigkeit, mit der, wie im Altertum so im frühen und auch noch im hohen Mittelalter, Religion und Alltag ineinanderflossen, beschränkte Deutung­freude und Stellungnahme auf wenige Besondere, während sie der Verbreiterungs- und Zer­gliederungkunst der viel zu vielen in des Wortes wahrstem Sinn Unbedenklichen Nahrung und Inhalt bot. Die Autorität Gottes und damit die der weltlichen Macht schuf die Grund­lage der Existenz, das Motiv der Handlungen und das Maß der Probleme. Die geringen auf­rührerischen Stimmen ertranken meist bald im geistigen Durchschnitt — nirgends ist der Durchschnitt größer als auf geistigem Gebiet — und es ist bei manchen keineswegs sicher, ob sie zu ihrer Zeit dieselbe symptomatische Wichtigkeit besaßen, die ihnen eine spätere Betrachtung von ihrer höheren Warte aus zuwägen muß. Zum Beispiel erscheint es nirgendwo überliefert, ob die Feststellungen des Polybios von Megalopolis (f 210 v. Chr. G.), daß es „bei jedem Körper, jedem Staat und jedem Unternehmen ein naturgemäßes Wachstum, darauf einen Höhenstand und sodann ein Dahinsterben gibt“1) und seine deprimierenden Folgerungen auf das daher ebenso erfolgende und berechenbare Ende Roms seinerzeit ein Echo gefunden haben, wenngleich vor ihm schon Aristoteles2) und nach ihm Strabo3), Diodor4), Plutarch5), Dio Cassius6) und insbesondere Lucius Annäus Florus (um 120 n. Chr. G.)7) unabhängig voneinander auf Verfallsursachen und Verfallserscheinungen hingewiesen haben. Weniger unklar dagegen ist es, ob die im 9. Jahrhundert erstmalig nachweisbaren klerikalen Beurteilungmethoden weltlicher Herrscher einerseits bewußt und anderseits wirkungvoll waren. Denn das Zweckbetonte solcher Kundgebungen und ihre Intensität dürften einwandfrei feststehen, da die Kette, die mit dem „Apologeticus pro filiis Ludovici“ Agobards von Lyon8) (f 840) und mit Walahfried Strabos „Visio Wettini“9) anhebt, nun nicht mehr abreißt und jedes ihrer Glieder die Kraft verstärkt, mit der das „Reich von dieser Welt“ zugunsten des Repräsentanten Gottes aus seiner superioren Stellung herabgezogen wird.10 *) Der Weg von der Schrift über die königlichen Pflichten (de via regia) des Abtes von St. Michel bei Verdun, Smaragdus (f 826—830)n), die dieser Karl dem Großen oder Ludwig von Aquitanien überreichte, bis zu dem Fürstenspiegel (de institutione regia opus­culum), den Jonas, Bischof von Orleans (| 844), dessen Sohn Pippin widmete12), sowie zu den Monitionen eines Hrabanus Maurus und eines Hinkmar von Reims ist bedeutungreicher x) Polybius, ex recognitione I. Bekkeri. Berolini 1844: ex rqq Z (6. Buch), 51, S. 542: erce’.Sv] ydto rcavtö? xai aojaatoc xai Tzok’.zz'.ac xai itpotceoj', aol^aiq xaxä cptioiv ixsróc Sk taúrfjv äxfrr), xaneiza tpiKau;. a) Aristoteles opera omnia. Parisiis 1848. Bd. I, S. 512. з) Strabonis geographica. Parisiis 1853. VIII. 4. 11., S. 311. *) Diodori Siculi Bibliothecae historicae, quae supersunt. Parisiis 1842. 1. Bd., II. 5, S. 84. 5) Plutarchi Chaeronensis varia scripta, quae moralia vulgo vocantur. Lipsiae. Tomus III: de defectu oraculorum. VIII. S. 145. ®) Dionis Cassii Cocceiani historia Romana. Lipsiae 1863. 43. 25. S. 106. 7) Lucii Annaei Flori Epitome rerum Romanarum. Lib. I. Proemium. 8) MG. SS. XV/1. 275—279 (Libri duo pro filiis et contra Iudith uxorem Ludovici Pii). ®) Vgl. Friedrich v. Bezold: Kaiserin Judith und ihr Dichter Walahfried Strabo, (in: Historische Zeitschrift. 130. 1924), S. 380. 10) Vgl. auch W. Levison: Die Politik in den Jenseits Visionen des frühen Mittelalters. (In: Fest­schrift Friedrich v. Bezold dargebracht 1921), S. 87 ff. и) Migne Patrol, lat. CII. 13 ff. 12) Migne CVI. 279—286.

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