Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 21. Ivan Dujcev (Sofia): Die „Responsa Nicolai I papae ad consulta Bulgarorum“ als Quelle für die bulgarische Geschichte
Responsa Nicolai I. Papae ad Consulta Bulgarorum. 361 fragten sie, quot diebus viro, postquam mulier filium genuerit, ab ea sit abstinendum (C. 68) ? Was soll der Mann, dessen Ehefrau gegen ihn etwas Schlechtes beabsichtigte oder tat oder ihn angeklagt habe, tun (C. 103) ? Eine dritte Folge von Fragen behandelt das Privatleben des Christen, seine Nahrung, Kleidung und Hygiene. Welche Tiere oder Vögel darf man essen (C. 45) ? Darf man die Tiere oder die Vögel, die nicht durch Messer, aber nur infolge eines Schlages getötet wurden, essen (C. 97) ? Eine Frage bezieht sich auf das Tragen der s. g. ligatura lintei auf dem Kopf (C. 71) und eine andere auf die „femoralia“ (C. 63). Ist das Verbot der Griechen, am Mittwoch und Freitag zu baden, richtig (C. 6) ? Eine vierte, letzte Reihe von Fragen steht in Beziehung mit den Resten des heidnischen Aberglaubens und den Gebräuchen slawischen und protobulgarischen Ursprungs. Diese Angaben sind besonders vom kulturhistorischen Standpunkte aus wichtig. So meldeten die Abgesandten dem Papst, daß die Bulgaren bis zu dieser Zeit Roßschweife als Feldzeichen in der Schlacht getragen hatten. Was sollen sie jetzt als Feldzeichen gebrauchen (C. 35) ? Sie berichteten dem Papst, daß sie früher beim Auszug in eine Schlacht Tage, Stunden, Beschwörungen, Spielen und Singen beachteten und allerlei Wahrsagungen verübten1). Was müssen sie nun in diesem Falle tun (C. 37) ? Wenn man in Betracht zieht, daß astrologischer Aberglaube unter den damaligen Bulgaren sehr verbreitet war2), versteht man, warum die Abgesandten fragten, ob man, wenn eine Nachricht, daß es nötig sei, in den Krieg zu ziehen, käme, sofort ziehen muß oder es Tage gäbe, an denen man nicht „ad proeliandum exire“ soll (C. 36)? Nach einer bulgarischen Sitte dürfte beim Mahle niemand mit dem Fürsten an einem Tische speisen, selbst seine Gemahlin nicht. Die anderen mußten von ihm entfernt auf niedrigen Bänken am Boden essen. Trotzdem in Byzanz die Mittel für ähnliche Absonderung des Herrschers viel zahlreicher waren3), wollten die Bulgaren sich über die Meinung des Papstes erkundigen (C. 44). Was denke der Papst über den Stein, der schon zur heidnischen Zeit gefunden war und von dem man glaubte, er gälte als Heilmittel ? Darf man ihn auch in Zukunft verehren und gebrauchen oder wegwerfen (C. 66) ? Früher hatten die Bulgaren bei einem Schwerte geschworen. Photios hat in seinem Sendschreiben die Meinung geäußert, daß der Schwur unverträglich mit dem christlichen Glauben sei4), und dessenungeachtet wollten die Bulgaren auch den Papst darüber fragen (C. 72). Nach einer Frage in bezug auf den byzantinischen Brauch der Wahrsagungen aus Büchern (C. 84), fragten sie, ob es erlaubt sei, Amulette für die Gesundheit zu tragen (C. 86) ? Am Ende baten sie um Antwort auf die Frage, ob die Darbringung der Erstlingsfrüchte und der „rerum ... primitias“ gestattet sei (C. 96) ? Neben diesen Fragen hatten sich die Bulgaren an den Papst mit einigen Bitten gewandt, nämlich um „leges mundanas“ (C. 15), „iudicium poenitentiae“ (C. 82), „codex ad faciendas missas“ (C. 83) und um andere Bücher (C. 39), vielleicht um kirchliche Kanone. Alle Fragen der Bulgaren — sagen wir hier zusammenfassend — berühren nur konkrete Probleme des Lebens. Hier sind keine abstrakten, theologischen und dogmatischen Fragen, die auch dem Papst unbeliebt waren5). Man wollte sich um alles erkundigen, sogar um die scheinbar kleinsten und unwichtigsten Dinge, mit naiver Pedanterie und Skrupulosität. Dies war kein Zeugnis einer Verwirrung in dem Leben des bulgarischen Volkes nach der Bekehrung6), sondern eher des Pflichtgefühls der neuen Christen. Der Papst selbst hat x) Vgl. darüber Iv. Dujcev, Bemerkungen zu byzantinischen Historikern. II. Zu den Religionsbräuchen der Protobulgaren (in: Byz. Z., XLI. 1941, 2.). 2) Vgl. J. Todorov, Iztocno-azijatskijat zivotinski cikűl ot glediste na astrologiceskité vervanija in: Godisnik der Universität Sofia, historisch-philologische Fakultät, XXVII. 8. 1931. 3) Darüber siehe O. Treitinger, Die oströmische Kaiser- und Reichsidee nach ihrer Gestaltung im höfischen Zeremoniell (Jena 1938), 103 und passim. 4) Valettas, ebenda, 237, § 68. 5) Per eis, ebenda, 257 und Anm. 2. 9) Vgl. P. Mutafciev, Istorija na bűlgarskija narod, I (Sofia 1943), 177.