Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 21. Ivan Dujcev (Sofia): Die „Responsa Nicolai I papae ad consulta Bulgarorum“ als Quelle für die bulgarische Geschichte

350 Dujéev, Gesandten war, dem Papst eine Reihe von Fragen zu überreichen und auf dieselben Antwort zu erbitten. Nach dem Zeugnis der Annales Bertiniani überbrachten die Bulgaren dem Papst „plures quaestiones de sacramentis fidei“, während Anastasius Bibliothecarius uns sagt, daß der Fürst „non solum dogmata orthodoxae fidei, verum etiam sanctae vitae disciplinam“ verlangte. Diese Tatsache ist schon bedeutungsvoll und der Beachtung wert. War dies nicht ein deutlicher Beweis dafür, daß auch jenes beredte Sendschreiben, das der Patriarch Photios(858—867, 878—886) kürzlich dem Fürsten sandte1), seine Bedenken und Unklarheiten nicht beseitigt hatte ? Da die Fragen der Bulgaren an Zahl nicht gering waren, so wurden sie ohne Zweifel in schriftlicher Form, vielleicht in griechischer Sprache, dem Papst überreicht2). Leider ist der Urtext der bulgarischen Fragen heute spurlos verlorengegangen. Daraus ergibt sich, daß wir uns nur mit Vermutungen über ihre Zahl, ursprüngliche Form und sogar Ordnung begnügen müssen. Erhalten sind nur die päpstlichen Antworten — die berühmt gewordenen Responsa Nicolai I. papae ad consulta Bulgarorum — und auf Grund dieser kann man die Fragen der bulgarischen Abgesandten wiederherstellen 3). Jedoch hat man bis jetzt niemals eine vollständige Herstellung der Consulta Bulgarorum versucht und sogar ihre Zahl ist noch nicht genau festgestellt worden. Aus diesem Grunde, daß die Antworten 106 an der Zahl seien, hat man die Meinung ausgesprochen, daß auch die Fragen 106 gewesen sein müssen4). Anderen Vermutungen nach sollen die Fragen weniger zahlreich als die Antworten gewesen sein und vielleicht eine andere Form gehabt haben 5). Ein anderes wichtiges Problem, nämlich das des genauen Inhaltes der Fragen, bleibt noch in der Schwebe. Aber wenn wir den Text der päpstlichen Responsa einer eingehenden Analyse unterziehen, sind wir imstande, glaube ich, den Inhalt und die Zahl der Fragen viel genauer festzustellen. Zu allererst ist es fraglich, wie genau die bulgarischen Fragen indem päpstlichen Schreiben selbst überliefert sind. Weil die Fragen vielleicht in griechischer Sprache abgefaßt wurden, mußte man erst eine Übersetzung verfertigen. Der Papst selbst war, wie es scheint, der griechischen Sprache kundig 6) und konnte folglich sich unmittelbar mit dem Inhalt der Consulta vertraut machen. Seit dem Jahre 861/62 war als sein eifrigster Mitarbeiter an den orientalischen Sachen und als der beste Kenner der griechischen Sprache und der Griechen im damaligen Rom, der berühmte Anastasius Bibliothecarius tätig7). Seine Tätigkeit als Übersetzer aus dem Griechischen ist wohl bekannt8), wie auch seine Grundsätze bezüglich der Übersetzungskunst, nämlich daß ,,etsi non ex toto verbum e verbo, sensum tamen penitus hauriens“oder,,non ... verbum e verbo, sed sensum e sensu“ zu übersetzen braucht9). *) *) J. N. Valettas, <í>a)TÍ0l) siriatoXat (London 1864), 200—248; vgl. Mitropolit Simeon, Poslanieto na carigradskija patriarh Fótija do bűlgarskija knjaz Borisa (Sofia 1917), 32—91; Zlatarski, ebenda, 71 ff. 2) Vgl. Zlatarski, ebenda, 87 Anni. 4; D. Decev in: Izvestija des Bulgarischen Archäologischen Instituts, VII. 1933, 335. Zu vergleichen die Überschrift in einem Briefe des bulgarischen Königs Kalojan (1197—1207) zu dem Papst Innozenz III. (1198—1216) aus dem Jahre 1202: Littere Caloiohannis domini Bulgarorum et Blachorum, misse domino Innocentio papé III. translate de bulgarico in grecum et de greco postea in latinum (siehe Iv. Dujcev, Innocentii PP. III., epistolae ad Bulgáriáé historiam spectantes, in: Godisnik der Universität Sofia, historisch-philologische Fakultät, XXXVJII. 3. 1942, S. 22). 3) Die Ausgabe von Pereis ( = P) in MGH. EE. VI. Karolini aevi IV. Nicolai I. Papae epistolae, S. 568—600, ep. 99 (Nicolaus capitulis 106 ad Bulgarorum consulta respondet); D. Decev, Responsa Nicolai I. Papae ad consulta Bulgarorum (anno 866). 1. Ausg. Sofia 1922; 2. Ausg. Sofia 1940, mit Einführung und bulgarische Übersetzung; ebenda, S. 20, bibliographische Angaben. Über die Handschriften vgl. D. Deöev, Rűkopisité na tűj narecenité „Otgovori na papa Nikolaj I po dopitvanijata na bűlgarité“, in: Izvestija des Bulgarischen Archäologischen Instituts, VII. 1933, 322—340. N. P. Blagoev, Responsa Nicolai papae I. ad consulta Bulgarorum. Izvor za istorijata na bülgarskoto pravo (in: Sbornik der Bulga­rischen Akademie der Wissenschaften, VI. 2. 1916, 1—117) hat nur eine Wiedergabe nach Migne gegeben. 4) Vgl. z. B. Dümmler, ebenda, 190; Pereis, Papst Nikolaus I., 161. 5) Zlatarski, ebenda, 87 Anm. 4. ®) Vgl. Pereis, Papst Nikolaus, 293 ff. 7) Über ihn siehe Hergenröther, ebenda, II (1867), 228—242; Pereis, ebenda, 185—241. 8) Pereis, ebenda, 191 ff., 240 ff. 9) Migne, P. L., CXXIX, col. 737; vgl. Pereis, ebenda, 246.

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