Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
II. Paläographie und Diplomatik - 16. Gebhard Rath (Wien): Studien zur Gründungsgeschichte der Cisterce Wilhering und ihrer rechtlichen Stellung zu ihren Gründern und dem Hochstift Bamberg
Studien zur Gründungsgeschichte der Cisterce Withering. 285 diplomatische Kürzungszeichen wird vielfach gebraucht. Die Linienführung ist blind, von rückwärts durchgedrückt. Der Schriftcharakter zeigt ziemlichen Fortschritt, neigt aber trotzdem noch sichtlich zu runden Formen — das Schriftbild der Mitte des 12. Jahrhunderts J). An inneren Merkmalen findet sich die verbale Invocatio, die Intitulatio, Arenga, Publicatio, Narratio, Corroboratio, Sanctio mit geistlicher und jenseitiger Strafandrohung für die Verletzer der Urkunde und Verheißung göttlichen Lohnes für ihre Einhaltung, Nennung der Zeugen wie Datierung nach Zeit und Ausstellungsort, Reimprosa und Kursus in den Kolonschlüssen. In der Corroboratio ist die Besiegelung wohl ausdrücklich angekündigt, doch ist am Pergamente nicht die leiseste Spur zu erkennen, daß sie jemals auch nur versucht worden wäre. Die untere rechte Ecke war durch Einrückung der weltlichen Zeugen wie der Actumzeile hiefür ausgespart worden. In der Zeugenliste sind die Laienzeugen vollständig überliefert, die geistlichen aber, die offenbar aus Bamberg allein genommen werden sollten, durch das Wort canonici eingeführt. Für ihre Nennung war ein entsprechender Raum freigehalten * 2). Unvollständig ist auch die Datierung wegen des Fehlens der Hunderter, Zehner und Einer, der Indictionszahl, des Herrschernamens und der Angabe seiner Regierungsjahre, obgleich auch hiefür die entsprechenden Worte vorgeschrieben und der nötige Raum für deren Nachtragung freigeblieben war. Vollständig ist jedoch die Datumzeile hinsichtlich der Ortsangabe — Data Babenberg — am linken unteren Rande, woraus sich ergibt, daß das Stück bestimmt war, in Bamberg von Bischof Eberhard nach Eintragung der geistlichen Zeugen und Ergänzung der Datierung durch Aufdrückung seines bischöflichen Siegels vollzogen zu werden 3). Schrift- und Diktatvergleich, den wir Hirsch 4) danken, beweist die Echtheit des Pergamentes, setzt seine Entstehung in die Mitte des 12. Jahrhunderts, in die auch sein Aussteller Bischof Eberhard von Bamberg (1146—1170), Cholo von Withering (f Mai 1150/54) und die Zeugen weisen. Durch Heranziehung der schon bekannten vier Empfängerausfertigungen des Abtes Gebhard II. von Withering 5) aus 1155 und 1161 war es Hirsch6) möglich, die Identität des Schreibers und Verfassers der Reinschrift und dieser vier Pergamente zu erweisen. Es ist ein Mönch der Cisterce und aller Wahrscheinlichkeit nach Abt Gebhard II. selbst. Im Empfängerkloster also verfaßt und geschrieben, vom Aussteller Bischof Eberhard von Bamberg nicht vollzogen, obgleich dazu vorgesehen, ist dieses Pergament nicht als Konzept oder Entwurf7), sondern als Reinschrift8) anzusprechen, die bestimmt war, in Bamberg vervollständigt und vollzogen zu werden. Dadurch, daß dies nicht geschah, ist auch seine Erhaltung im Empfängerkloster gegeben. *) Vgl. Hirsch, Vogteiurkunden 5 ff. — Trinks, Gründungsurkunden 88 f. 2) Zatschek, Urkundenlehre 32, Anmerkung 7, bezweifelt die Aussparung der rechten unteren Ecke des Pergaments für die Anbringung eines Siegels unter anderem auch durch die Behauptung, daß die Zeile 11 mit hii liberi abbricht, „was wohl heißen soll, daß die Freien erst folgen sollten. Für diese wäre aber kein Platz mehr gewesen, wenn das Siegel so hoch hätte hinauf kommen sollen“. Zatschek hat dabei übersehen, daß die Namen der Freien unmittelbar hii liberi vorausgehen. Vgl. Hirsch, Vogteiurkunden 1, Taf. I, und UBoE. 2, Nr. 153, 224. — Trinks, Gründungsurkunden 90 ff., Behauptung ist hinsichtlich der geistlichen Zeugen ebenfalls nicht zutreffend. 3) Hirsch, Vogteiurkunden 5. — Trinks, Gründungsurkunden 89. 4) Hirsch, Vogteiurkunden 6 ff. 5) Dazu gehört auch die heute nur mehr im Regest erhaltene Urkunde Eberhards v. B. für Withering: Litterae Eberhardi episcopi Babenbergensis, in quibus promittit, se velle monasterium Hilariense fovere auxiliis et patrociniis tueri ratione predii in Lohe cum pertinentiis suis, oblati monasterio Hilariensi (Actiones des clossters Wilhering wider ihre vnndterthanen wind contra so abgehandlet worden bey den landtshaubtmannischen gericht zu Linz). Ohne Datum. Archiv Wilhering, c. 1700 (Reg. Nr. 1460). *) Hirsch, Vogteiurkunden 6 ff. — Trinks, Gründungsurkunden 90, Anmerkung 34 und S. 119, Anmerkung 119 widersprechen sich. 7) Hirsch, Vogteiurkunden 5. — Trinks, Gründungsurkunden 88, Anmerkung 32. 8) Zatschek, Urkundenlehre 32 f.