Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

Paläographie des Mittelalters — Handschriftenkunde der Neuzeit? Von Karl Pivec (Wien). Die historischen Hilfswissenschaften haben sich parallel zur kritischen Ausgabe der mittelalterlichen Geschichtsquellen entwickelt Q. In der neuzeitlichen Geschichtswissen­schaft hat sich ein analoger Gebrauch des Wortes noch nicht eingebürgert. Paläographie der Neuzeit, d. h. Handschriftenkunde und Aktenkunde sind noch rechte Stiefkinder der Historie, besonders die erstere. Daß die Handschriftenkunde nur mehr oder weniger als tech­nische Fertigkeit des Lesenkönnens angesehen wird und nicht als Wissenschaft wie die methodisch feinst ausgebildete Paläographie des Mittelalters, hängt wohl damit zusammen, daß der Erforscher der Geschichte der Neuzeit bei der Verwertung des reichlich überlieferten Aktenmaterials weniger eine wissenschaftliche Paläographie der Neuzeit braucht, sind doch die Überlieferungsprobleme meist einfacher und spielt vor allem auch die Fälschung eine geringere Rolle. Die Frage der Datierung des einzelnen Aktenstückes ist in der Neuzeit meist nicht so brennend oder schwer zu lösen, weil es datiert oder infolge der Vielheit des bekannten Kanzleipersonals der Zeitpunkt seines Entstehens leichter zu erschließen ist. Damit entfällt eine der wesentlichen Aufgaben der Paläographie. Die Mediävalistik hat ein weniger umfangreiches Material um so intensiver zu bearbeiten, mit Hilfe einer systematisch ausgebauten Wissenschaft oft erst den Platz der Quelle festzustellen, um sie überhaupt ver­werten zu können. Darum ist es zu einer selbständigen Entwicklung der Hilfswissenschaften und mit ihr der mittelalterlichen Paläographie gekommen, während die Handschriftenkunde der Neuzeit eine Angelegenheit der Praxis und der einfachen Übung geblieben ist. Die relativ magere Literatur und der Stand der Faksimile werke spiegeln diesen Tat­bestand wider. Die führenden internationalen Ausgaben von Faksimilia beschränken sich auf das Mittelalter, wie das Archivio paleografico italiano, die Monumenta palaeographica Chrousts, die beiden Serien der Paleographical Society. Nur die großen französischen Repro­duktionswerke gehen meist über 1500 hinaus, wie der Recueil des facsimiles á l’usage de l’Ecole des chartes, das Musée des archives départementales und das Album paléographique. Aber auch sie bringen neuzeitliche Stücke nur in geringerer Zahl und vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Interessantheit des Dokumentes, nicht im Hinblick auf die Schrift­entwicklung. Der dänische Palaeografisk Atlas, Ny Serie, von Kr. Králund, Kopenhagen 1907, enthält praktisch nur Mittelalter, J. van den Gheyns Album Beige de Paléographie, Brüssel 1908, geht mit zwei Schriftproben in das 16. Jahrhundert, H. Brugmans und O. Oppermanns Atlas der neederlandsche Palaeographie, Haag 1910, reicht in das 17. Jahrhundert hinein, ebenso mit einigen Tafeln die Paleográfia Espaííola von Zacarias G. Villada, Madrid 1923. Nur einer bestimmten Zeit oder einem besonderen historischen oder lokalen Interesse dienen die Spezialwerke: R. Thommen, Schriftproben aus Handschriften des 14. bis 16. Jahr­hunderts, Basel 1888, in 2. vermehrter Auflage unter dem Titel: Schriftproben aus Baseler Handschriften, Basel 1908, Handschriftenproben des 16. Jahrhunderts nach Straßburger Originalen herausgegeben von J. Ficker und O. Winckelmann, Bd. 1 (Zur politischen l) Vgl. H. Hirsch: Methoden und Probleme der Urkundenforschung, MÖIG. 53, 1 ff.; K. Pivec: Die Stellung der Hilfswissenschaften in der Geschichtswissenschaft, MÖIG. 54, 3 ff. 15

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