Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

226 Pivec, Geschichte), Straßburg 1902, Bd. 2 (Zur geistigen Geschichte) 1905, Georg Mentz : Hand­schriften der Reformationszeit, Tabulae in usum scholarum, herausgegeben von J. Lietz- mann, Bonn 1912; Handschriftenproben aus der Reformationszeit, herausgegeben von O. Clemen, Zwickau i. S. 1911. Die Begrenzung im Titel tragen auch die Handschriftenproben zur Baseler Geistesgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts, herausgegeben von Carl Roth und Philipp Schmidt, Basel 1926. Bozner Schreibschriften der Neuzeit 1500—1850 (100 Tafeln), Jena 1929. Der erste Herausgeber, der das Problem der Schriftentwicklung bis in die Neuzeit und nicht ein einzelnes Sonderinteresse im Auge gehabt hat, war A. Hulshof: Deutsche und lateinische Schriften in den Niederlanden (1350—1650), Tabulae in usum scholarum, Bd. 9, Bonn 1918. Die Mitte des 17. Jahrhunderts ist von Hulshof mit Bedacht als Grenze genommen worden, denn hier setzt seit dem 16. Jahrhundert wieder eine stärkere Cäsur ein. An den gotischen Schriftarten hat dann J. Kirchner in dem gleichnamigen Werke, das er zusammen mitE. Crousin Leipzigl928 herausgegeben hat,eine nationale und regionale, stammesmäßige Gliederung nach paläographischen Richtlinien versucht und damit gleichfalls mutig den Weg einer wissenschaftlichen Paläographie zumindest für die gotischen Schriftarten und ihre Nachfahren in der Neuzeit betreten. Eine sehr brauchbare Formenlehre bot H. Delitsch, Geschichte der abendländischen Schriftformen, Leipzig 1928. Das einzige Tafelwerk, das ausschließlich der Neuzeit dienen will, sind die vom Kriegs­archiv in Wien im Jahre 1889 herausgegebenen Unterrichtsbehelfe zur Handschriften­kunde. Einige neuzeitliche Tafeln enthält auch Steffens Lateinische Paläographie, 2. Auflage. Die Handschriftenkunde der Neuzeit ist also in vieler Hinsicht wissenschaftliches Neu­land. Eine sinngemäße, modifizierte Übertragung der wissenschaftlichen Prinzipien der Paläographie des Mittelalters auf sie wäre ein Versuch, der sich lohnte. Wir betreiben die mittelalterliche Paläographie ja auch nicht bloß als technisches Können. Abgesehen von Schriftbestimmung und Datierung hat die Wissenschaft von der Schriftentwicklung eine all­mähliche Ausdehnung erfahren, die zugleich eine methodische Verfeinerung bedeutet und eine Bereicherung der historischen Erkenntnis schlechthin. Sie ist in gegenseitiger Befruch­tung eine Verbindung mit anderen Disziplinen eingegangen. An erster Stelle ist seit Ludwig Traube die mittellateinische Philologie zu nennen, als eine Schwesterwissenschaft der Paläographie. Auch der neuzeitlichen Handschriften­kunde ist eine starke philologische Durchdringung zu wünschen. Eine Beachtung der sprach­lichen Eigenheiten vermag direkt Kriterien für die Datierung zu gewinnen, wie z. B. aus der Durchsetzung der deutschen Sprache mit Fremdwörtern, besonders seit dem Ende des 16. Jahrhunderts, der allmählichen Großschreibung der Hauptwörter, dem Gebrauch des tz usw. Als Formenlehre nähert sich die Paläographie der Kunstgeschichte. Gleich dieser gelangt sie durch Analyse des Gesamteindruckes und kritische Betrachtung des Details zu Stilbestim­mungen, die eine Erfassung von Schreibschulen ermöglichen. Erst durch diese wird in die indigesta moles des Materials eine Differenzierung gebracht, über deren Wert für die Herkunfts­bestimmung des einzelnen Schriftdenkmals und die Kulturgeschichte kein Wort verloren zu werden braucht. Für das Hochmittelalter sind wir von diesem Ziele noch weit entfernt. Relativ die meisten Schreibschulen sind für das Frühmittelalter bekannt in Oberitalien und dem fränkischen Reiche, etwa Bobbio, Lucca, Laon, Corbie, Luxeuil, Tours. Das Köln des frühen Mittelalters hat eine Monographie gefunden *). Wenn wir bedenken, daß es für das Hochmittelalter möglich ist, nach den damaligen Kulturzentren an den einzelnen Dom­schulen richtige Sprachschulen mit philologischer Eigenheit zu rekonstruieren 2), dürfen wir es als ideale Forderung aussprechen, daß das gesamte Kulturgebiet des mittelalterlichen i) Leslie Webber-Jones: The script of Cologne from Hildebald to Hermann (The mediaeval Academy of America 1932). *) Karl Pivec: Eine Bamberger Diktatorenschule aus der Zeit Heinrichs IV. Studien und Forschungen zur Ausgabe des Codex Udalrici, MÖIG. 45, 409 ff.

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