Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 10. Tihamér Vanyó (Pannonhalma): Das Archiv der Konsistorialkongregation in Rom und die kirchlichen Zustände Ungarns in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

170 Vanyó, lieh aus finanziellen Gründen die Bischofsitze oft längere Zeit leerstehen. Im Jahre 1800 waren das Erzbistum von Esztergom und noch sieben andere Bistümer un­besetzt. Also mehr als 1-8 Millionen Seelen waren ohne Oberhirten, fast die Hälfte der Katholiken von Ungarn (ohne Siebenbürgen) und Kroatien. Der Palatin Josef betreibt die Besetzung von wenigstens drei Bistümern und gesteht dabei ganz offen, daß der einzige Grund des Säumens der Geldbedarf des Krieges seix). 3. Die Vertreter der kirchlichen Verteidigung (Päpste, Nuntien, Bischöfe). Unter den Päpsten des 18. Jahrhunderts ragt Benedikt XIV. (1740—58) mit seiner vielseitigen Persönlichkeit, außergewöhnlichen Wissenschaft, Staatsklugheit und Liebens­würdigkeit hoch empor. Macaulay nennt ihn unter den 250 Nachfolgern des hl. Petrus den besten und weisesten. Als Gesetzgeber hat er im inneren Leben der Kirche eine außerordent­liche Bedeutung. Die nachtridentinische Kirchendisziplin wird mit ihm abgeschlossen. Seine Schöpfungen auf dem Gebiete des Kirchenrechtes sind selten langlebig und richtung­gebend. Gegenüber der vorwärtsdringenden Staatsgewalt findet seine Klugheit und Schmieg­samkeit — obgleich mit Zugeständnissen — stets die geeignete Lösung. Nach ihm aber beginnt der viele Jahrzehnte lang dauernde Verfall des Papsttums. Die Initiative geriet in die Hände der weltanschaulich und politisch kirchenfeindlichen Mächte. Für Roms Geweihte bleibt nichts anderes übrig als die stille Ergebung oder die erfolg­lose Verwahrung. Diese persönlich gleich edelmütigen und hervorragenden Männer konnten inmitten einer unglaublich feindlichen Umwelt und ungünstiger Verhältnisse den Verfall der Macht und des Ansehens des Papsttums mit ihrer verminderten Regie­rungsfähigkeit trotz allen Wohlwollens nicht aufhalten. Klemens XIII. (1758—69) kennzeichnet eine tiefe Frömmigkeit und übermäßige menschliche Güte. Obgleich er in der Befolgung seines Gewissens und in der Verteidigung der Rechte des Papsttums unerschütterlich stark ist, wirken der Mangel an Selbstvertrauen und die leichte Beeinflußbarkeit unheilvoll in ihm. Seine Regierung bietet eine ununter­brochene Reihe von Leiden, Unterdrückungen und Erniedrigungen der Kirche und des Papsttums. Die priesterlichen und menschlichen Tugenden Kle­mens XIV. (1769—74) konnten die Unzulänglichkeit, den Mangel an breitem politischem Horizont und diplomatischer Erfahrung, die verhängnisvolle Schwäche und Schüchtern­heit seines Wesens nicht wettmachen. Die seelenreine und liebenswürdige Persönlichkeit von Pius VI. (1775—99) macht seinen übermäßigen Nepotismus vergessen. Sein glaubens- bekennerischer Heldenmut während der Verschleppung und Gefangenschaft war ein sprechen­der Beweis für die verborgenen Lebenskräfte der als verwüstet hingestellten Kirche 2). Parallel mit der Erstarkung des aufgeklärten und unbeschränkten Regierungssystems, mit der Abnahme des Ansehens und der politischen Wucht des Heiligen Stuhles, sank auch der Einfluß der päpstlichen Gesandten. Über die Umstände, Schwierigkeiten, Be­einträchtigungen der Nuntien entwirft der Bericht des ausgezeichneten Diplomaten und Gelehrten Titularerzbischof Josef Garampi (1776—85) vom Jahre 1776 ein vor­zügliches Bild. Das größte Hindernis der erfolgreichen Ausübung seines Berufes bildete der Mangel an Freiheit in seinen Bewegungen, Fühlungnahmen und Verbindungen. Einen Monat nach seiner Rückkehr aus Polen legt er die Schwierigkeiten seiner Wiener Lage in scharfer Beleuchtung dar. Er beschwert sich über die gefährliche und unsichere Atmosphäre, die Gefahren des mündlichen und schriftlichen Verkehrs, die ständige Spio­x) Ebenda 216—17. — Domanovszky Sándor: József nádor iratai (Die Schriften des Palatins Josef), I. Bd. Budapest, 1925. 318—20. 2) Pastor, Ludwig: Geschichte der Päpste. XVI (1. Bd.), Freiburg i. B. 1931. 211—13, 455—56, 957—58; XVI (2. Bd.), 1932. 69—71. — Seppelt-Löffler: Papstgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. München, 1938. 265—72, 275—76, 279.

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