Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 10. Tihamér Vanyó (Pannonhalma): Das Archiv der Konsistorialkongregation in Rom und die kirchlichen Zustände Ungarns in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Archiv der Konsistorialkongregation in Rom. 167 dem niederländischen Jansenistenkreis; der ursprünglich protestantische Bartenstein, Josephs Geschichtslehrer, war gleichfalls jansenistischer Gesinnung. Van Swieten sorgte dafür, daß nicht nur Maria Theresia, sondern auch ihre Kinder jansenistisch gesinnte Beichtväter er­hielten. Der Beichtvater der Kaiserin, Ignaz Müller, Prälat des Augustiner-Chorherren- stiftes St. Dorothea, war der Mittelpunkt jenes jansenistenfreundlichen Kreises in Wien, welchen van Swieten und der Domherr Ambros Simon von Stock schuf. Seine Auffassung von dem Kaiser als advocatus ecclesiae und von der Beschränkung der päpstlichen Vollmacht schöpfte Joseph neben Bossuet vor allemaus dem Buch Hontheims, der ein Schüler des Jansenisten Van Espen, des Kirchenrechtprofessors an der Universität Löwen, war *)• DerJansenismus hat auch von einer anderen Richtung aus auf Wien eingewirkt, nämlich aus Italien. Joseph II. hat in der Lombardei den Jansenismus, in dem er gegen das Papsttum einen Waffengenossen sah, sozusagen hochgezüchtet. Die Professoren der durch ihn gegründeten theologischen Hochschule von Pavia waren romfeindlich und jan- senistenfreundlich gesinnt. Im Toskana Leopolds II. war Pistoia der Bannerträger des Jansenismus. Dieser Jansenismus war natürlich in der Richtung der Politik und der Aufklärung schon weit verschoben. Auch in Wien vereinigte sich der Jansenismus mit der Aufklärung in dem Maße, daß er sich von den gallikanischen und febronianischen Bestrebungen nicht mehr unterscheiden ließ. Joseph II. huldigte nicht nur aus politischer Berechnung, sondern auch persönlich und innerlich angeregt dem Jansenismus. Die Bücher von Quesnel hat er gelesen. Die jansenistischen Vorstellungen über eine einfache, arme, sich von jeder weltlichen Beziehung zurückhaltenden Kirche entsprachen sehr seiner Denkungsart. Die auf die Seelsorge bezüglichen Verfügungen Josephs hat allem Anschein nach das Werk des Jansenisten Opstraet (Pastor bonus, im Jahre 1766 auf den Index gesetzt) beeinflußt2). Über die verurteilten jansenistischen Bücher hat der Kaiser nur die Kompetenz der Wiener Zensur anerkannt. Die Mitglieder dieser Zensur waren auserwählte Aufklärer, Jansenisten und Jesuitenfeinde, die durch ihren Filter alle jansenistischen Werke durch- kommen ließen. In Österreich hat der Jansenismus mit dem aufklärerischen Unglauben zusammengearbeitet. Johann Pezzl schreibt in seinem Werk (Skizzen von Wien, 1787) über die Bedeutsamkeit der Wiener Jansenisten folgendes: „Wie sehr erstaunte ich, da ich überzeugt war, daß noch in den heutigen Tagen die Jansenisten in Wien eine ziemlich ansehnliche und eifrig wirkende Partei ausmachen3).“ *) Eckhardt Sándor: A francia forradalom eszméi Magyarországon (Die Ideen der französischen Revolution in Ungarn). Budapest, 1924. 163. — Zolnai Béla: Magyar janzenisták (Ungarische Jansenisten). Minerva, 1925. 134. — Zolnai Béla: A janzenizmus európai útja (Der Weg des Jansenismus in Europa). Minerva, 1933. 178—79, 214—15. — Winter, a. a. O. 23—29. — Pastor, Ludwig: Geschichte der Päpste. XVI. (3. Bd.) Freib. i. B. 1933. 316. Stock wurde in Rom unter dem Einfluß des Dominikaners Selleri mit jansenistischer Literatur vertraut. Pastor ebenda. a) Zolnai, a. a. O. Minerva, 1933. 192—95, 186, 197. — Zolnai: Magy. janz. Minerva, 1925. 134. —• Winter a. a.O. 25. — Es ist interessant, zu erwähnen, daß Michael Josef Szvorényi, ein eifriger Anhänger Josephs II. in seiner an der theologischen Fakultät der Pester Universität gehaltenen ersten Vorlesung den Wiener Jansenisten Stefan Rautenstrauch mit warmen Worten begrüßte und unter anderen auch Opstraets Pastor bonus seinen Hörem zur Lektüre empfahl. — Zolnai in: Minerva, 1925. 138. 3) Zolnai in: Minerva, 1933. 197; und Minerva, 1925. 139—40. Das Zitat siehe in: Minerva, 1933. 216. — Die Einwirkung der jansenistischen Gesinnung mußten wir etwas eingehender behandeln, da die diesbezüglichen Feststellungen von Johann Koszó, Alexander Eckhardt und hauptsächlich Béla Zolnai weder in der ungarischen Geschichtswissenschaft noch in den Werken unserer Kirchengeschichtsforscher zur allgemeinen Kenntnis gelangten. Elemér Mályusz (A Türelmi Rendelet [D. Toleranzedikt. Budapest], 1939. 118) schreibt geradezu: „Der Jansenismus steht mit Josefs Auffassung in keinerlei Verbindung.“ Nach ihm hätte Joseph seine ganze staatsrechtliche Auffassung und Praxis, auch seine ganze Kirchenpolitik, aus der Naturrechtlichen Lehre von Samuel Pufendorf geschöpft. Wir geben bereitwillig zu, daß Joseph II. in seiner Staatsverwaltung und teils auch in seiner Kirchenpolitik, aber hauptsächlich bei der Ausgabe des Toleranzediktes das Naturrecht des ausgehenden 17. Jahrhunderts stark beeinflußte. Die völlige Verleugnung der französischen Einflüsse Bossuets und des Jansenismus halten wir aber für eine kühne und überhaupt nicht

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